24
Charleval
9. KAP.
Wir kennen auch von diesem Schlosse nur die Stiche und Zeichnungen seines Erbauers,wohl nur ein kleiner Teil dieses Planes ist zur Ausführung gekommen, doch begann manmeist sofort mit der Anlage der Gärten, um bei der Vollendung des Baues sich gleich desvollen Eindrucks auch der Umgebung zu erfreuen. Auch hier ist der Grundplan desGanzen durch die Linien der Kanäle, die Schloß und Garten umgeben und durchschnei-den, bezeichnet: durch einen von Wasser umflossenen Vorplatz gelangt man über eineZugbrücke in den großen Wirtschaftshof, der von vier kleineren Höfen umgeben ist. Dasdarauf folgende Schloßviereck hat zu beiden Seiten je ein Gartenparterre, die als giar-dini secreti behandelt sind. Sie sind von drei Seiten von Galerien umgeben, nach derSchloßfassade zu von zwei schönen Pergolen gesäumt. In der Mitte der Gartenschloß-front liegt ein sehr großer Gartensaal, von dem hufeisenförmige Treppen auf eine Brückeüber den dritten Kanalarm und in das ausgedehnte Gartenparterre führen. Dieses ist nichtnur von Kanälen umflossen, sondern auch wieder in der Mitte durch vier kanalartigeBassins getrennt. Der Mittelweg ist von Laubengängen eingefaßt. Auf jeder Seite sindje vier Ornamentbeete durch einen Brunnen zusammengehalten, während Bosketts zurSeite nach den Arkaden, die ringsum an den Kanalrändern entlang laufen, dem Gartenden Rhythmus von der Buntheit des Parterres zu den ernsteren Schattenmassen geben.Ähnlich ist auch das Gartenstück hinter den vier Querbassins behandelt, nur die Brun-nen fehlen, eine der Abteilungen ist als Labyrinth angelegt. Das untere Ende des Gartensist zu einem großen länglichen Platz gestaltet, den im hinteren Teile der Kanal in halb-runder Ausbuchtung umfließt. Dieser Platz ist durch mehrere Arkadenreihen markiert,in der Mitte sollte sich wohl ein kleiner Pavillon erheben. Dieser prächtige Garten solltenun, wie Du Cerceau berichtet, nach des Königs Plan nur eine Hälfte bilden. Auf derandern des Oblonges sollte ein ebenso großer Ziergarten angelegt werden. Du Cerceaudurfte mit Recht diesen Plan „eines Monarchen würdig" nennen; „wenn dieses Gebäudefertig geworden wäre, so wäre es das erste von Frankreich geworden". Mit dem Ent-wurf von Charleval hat die französische Gartenkunst in Verbindung mit dem Schloß-bau die erste Stufe ihrer Vollendung erreicht. Die Tradition mittelalterlicher Motivewirkt hier — ganz anders als in Italien — allmählich umgestaltend ununterbrochenfort, bis aus dem festen mittelalterlichen Wasserschlosse diese grandiose Renaissance-schöpfung in ihrer Einheit von Haus und Garten entstand.
Aber auch abseits von dieser geraden Entwicklung zeugen verschiedene Gärten jenerZeit von dem großen Können der Baumeister. In den Gärten von Montargis 41 (Abb. 328)schien die Schwierigkeit einer regelmäßigen Anlage fast unüberwindlich. Als Renee,Ludwigs XII. geistvolle Tochter, nach dem Tode ihres Gemahls, Herkules IL Este,Ferrara 1560 verließ, ward ihr Montargis als Witwensitz angewiesen. Sie fand auf steilerBergkuppe innerhalb der türmereichen Umfassungsmauern ein verwahrlostes, unregel-mäßiges Schloß mit zwei kleinen Gärtlein, ein Stückchen vergessenes Mittelalter. AberRenee war gewillt, nach der Zeit der Bitternis und Knechtschaft, die sie durch die An-feindungen einer verhaßten Kirche in Italien erlitten hatte, nun in der geliebten Heimatzu einem Mittelpunkte der protestantischen Gesellschaft zu werden. Die Freundin undSchützerin Calvins, die Goethe durch den Mund ihrer Tochter Leonore so hoch preisenläßt, war nicht nur „in Wissenschaft und rechtem Sinn, in dem keine ihrer Töchter ihrjemals gleichkam", eine der ersten Frauen ihrer Zeit, sondern auch der Kunst wardsie Schützerin und Freundin. Der Gartenkunst vor allem war sie schon von ihrem