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2 (1914) Von der Renaissance in Frankreich bis zur Gegenwart
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Gaillon

9. KAP.

Kontrast gegen das heitereparquet" dieses Gartens bildet. Schaut man von obenhinab, so sieht man zunächst in zwei Labyrinthe,wie konnte man von hier neckend denFreund verfolgen, wenn er", wie Sir Henri Wotten noch im XVII. Jahrhundert sagt,Beeren sammelnd sich verirrt, bis er sich ohne fremde Hilfe nicht mehr herausfindenkann" 19a . Die übrigen Beete sind bei Du Cerceau von Buchshecken umgeben, die Eckenmit niederen Bäumen bepflanzt. Ursprünglich waren die Beete auch hier wie inBlois mit kleinen mit Türen versehenen Holzzäunen eingeschlossen. In der Buchs-einfassung waren entweder Blumen gepflanzt oder bunte Erde von Schiefer oder Terra-kotta gestreut. Du Cerceau deutet solche Spielereien in seinen Mustern selten an, dieRechnungen aber verraten uns, daß die Beete in Wappen ausgelegt waren und daßallerlei Tiere, von Holz geschnitzt, den Garten zierten 20 . Ein Meisterstück der Schreiner-arbeit stand in der Mitte: ein Pavillon, noch reicher als in Blois, da an seinen vier Eckenkleine Volieren angebracht waren. Seine offene Kuppel schützte den schönen, zweischa-ligen Brunnen 21 , ein Schwesterwerk des für Blois von demselben Meister in Tours ver-fertigten; ein heiliger Johannes krönt die Spitze. Ludwigs XII. friedvolle Gemütsartnahm seinem Kardinalminister diese Rivalität nicht wie spätere Fürsten übel, er hatihm zeitweilig sogar seinen Gärtner abgetreten. Pasello wird auch die Anlage dieserGärten zugeschrieben, und einer seiner Sippe, die er nach italienischer Sitte aus der Hei-mat kommen ließ und die größtenteils wie er das Priesteramt mit der Gärtnerei verban-den, Piero da Mercogliano, wurde hier dauernd Gärtner 22 . In der Längenachse, demEingangsturm gegenüber, liegt noch ein kleines, zweistöckiges Gartenkasino, das viel-leicht ein kleines Wohnappartement enthielt. Nach dem Tale schließt den Garten wie-der eine Galerie ab, die mit ihren fünf Eingangstüren, den giebelgekrönten Fenstern, einMeisterstück in ihrer Art ist; sie hatte im Innern wohl Festsäle. Durch ihre äußeren Fen-ster hatte man eine vielgerühmte Aussicht auf den darunter liegenden großen Gartenund darüber hinaus auf das anmutige Tal. Hinuntersteigen in den unteren Garten aberkonnte und wollte man nicht. Jede Terrasse mußte noch ein abgeschlossenes Ganzes bil-den, ohne Rücksicht auf das Schloß oder die andern Gärten, mit eigener Architektur undeigener axialer Anordnung. Um zu dem sehr viel größeren, auf der dritten Terrasse lie-genden Garten zu gelangen, mußte man wieder in den Hof zurück und von hier auf ver-borgenen Treppen herabsteigen. Erst LeNotres Zeit hat die verschiedenen Terrassen auchhier durch Rampentreppen verbunden. Dieser tiefste Garten, auch axial nicht auf denoberen gerichtet, war in erster Linie Obst- und Küchengarten 23 . Zwei schöne Berceaux,wie man die tonnenförmigen, aus Lattenwerk hergestellten und grün überwachsenenGänge nannte, begleiteten den Eingangsweg. Berühmt waren auch hier wieder nächstBlois die 200 Maulbeerbäume, deren Anzucht im XVI. Jahrhundert zu den vornehm-sten Aufgaben der Gärtner gehörte. Auch Pfirsiche versuchte man in Gaillon zu ziehen,mußte aber gestehen, daß sie sehr teuer waren. Neben diesem Garten lag der Weinberg.Der terrassenförmig ansteigende Park führt zu einer ganz eigenartigen Anlage, derEremitage, die aber einer späteren Zeit und einer andern Gartenempfindung angehört.Gaillon zählt zu den schönsten Blüten der Epoche Ludwigs XII. ; um aber die ganzeEigenart der französischen Richtung und ihr Verhältnis zu ihrer italienischen Lehr-meisterin zu sehen, muß man im Auge behalten, daß fast zu gleicher Zeit mit GaillonVilla Madama erbaut wurde. Hier in Frankreich blieben, dem festen mittelalterlichenSchloßplan entsprechend, auch die Gärten für sich abgeschlossen, ohne Anschluß an

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