■MiHHHH
352
Rom, Villa Ludovisi
7. KAP.
sance verlangte die Sitte in Italien von den Besitzern von Kunstwerken und Gärten denfreien Zutritt für das Publikum. Montaigne, nachdem er die schönsten Gärten Roms auf-gezählt hat, bricht in die bewundernden Worte aus, „und das sind Schönheiten, die jedemoffen stehen, der sich ihrer bedienen will, wozu es auch sei, selbst um dort zu schlafen,auch in Gesellschaft, wenn die Herren nicht anwesend sind" 190 . Auch Versammlungenaller Art hielt man dort ab, und im geistlichen Rom wußte man sogar die Erbauung mit demVergnügen zu verbinden, und für Predigten und theologische Disputationen gaben dieseGärten einen beliebten Schauplatz ab. Augenscheinlich aber waren die Gelehrten nichtso frei gesinnt, wie die Gartenbesitzer, denn Montaigne beklagt sich, daß die Berühmt-heiten sich den Zutritt zu ihren Diskursen gar teuer bezahlen ließen. „Für Melancholieund Kummer habe ich hier keine Gelegenheit", schließt Montaigne diese Schilderungeines Ausschnittes aus dem römischen Leben einer lang versunkenen Zeit, und tausend-fach werden diese Worte ein Echo erwecken in den Herzen der Romfahrer aller Zeiten.Auch Winckelmann gibt der gleichen Gesinnung und der gleichen glücklichen StimmungWorte: „Ich bin freier, als ich es je in meinem Leben gewesen bin, ich bin gewissermaßenHerr von meinem Herrn und von dessen Lustschlössern, ich gehe, wohin und zu wem ichwill. Man kennt hier mehr als bei uns, worin der Wert des Lebens besteht; man suchtes zu genießen und andere genießen zu lassen" 191 .
Noch zeigt das XVII. Jahrhundert kein Nachlassen der Gestaltungskraft in der Garten-kunst, nur an neuen Motiven wird die Zeit allmählich ärmer, dagegen läßt sich hierund da, wenn auch noch schwach, der Einfluß des Auslandes, Frankreichs, spüren. DieVilla (Abb. 263), die sich das Nepotengeschlecht erbaute, das die Borghesi auf demStuhle Petri ablöste, die Ludovisi, ist zwar noch nicht aus dem Gedächtnis des heutelebenden Geschlechts geschwunden, viele sind noch in ihrem Schatten gewandelt, sieselbst aber ist völlig unter dem eleganten Häusermeer der modernen Großstadt ver-schwunden. Außer einzelnen Spuren in dem Königlichen Garten (Abb. 264) ist nur einKasino übrig geblieben, ein kleiner Zentralbau (Plan 4), der, einst auf dem höchsten Punktegelegen, von dem parkartigen Teile der Villa umgeben war. Er lag inmitten eines statuen-geschmückten Platzes, auf den breite Wege von allen Seiten sternförmig heraufführten.An den Schlußpunkten dieser Alleen waren bedeutende statuarische Prunkstücke: einantikes Grabmal, eine Kolossalstatue des Alexander Severus u. a. aufgestellt; das Augedes oben stehenden Beschauers erhielt dadurch nach allen Seiten die notwendige Be-grenzung. Dieses Selvaggio, von dem kleinen Rundbau beherrscht, bildete die eine Seiteder Villa, der zweite Teil gruppierte sich um das Wohnhaus (2), das, nicht groß, im Südennahe der Eingangspforte bei der Porta Salaria lag (Abb. 265). Die Gartenfront durch-schneidet mit einer Terrasse in der Höhe des ersten Stockwerkes einen vertieften, mitzwei Fontänen geschmückten Hof. Unter der Terrasse waren Grotten angelegt. Überdieselbe gelangte man auf den großen freien Paradeplatz, den das römische Empfangs-zeremoniell damals verlangte, in der Mitte liegt ein runder Tritonenbrunnen. ZurSeite dieses Platzes, aber ganz vom Hause gelöst, liegt ein giardino secreto, in derMitte wie in Villa Borghese durch ein Vogelhaus geteilt und von diesem beherrscht;dafür schaut das Haus nach hinten auf einen besonderen Blumenparterregarten. Jen-seits des Paradeplatzes liegt ein „laberinto in forma di bosco ornato di statue", d. h.kleine Plätze und Wege sind in das Massiv des Grüns hineingeschnitten (5). Der übrigeGarten ist in dichten Bosketts wie in Villa Borghese angelegt. Der Haupteingang (1),