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Das Paradies des Alten vom Berge
5. KAP.
heute vorhanden ist. In der Mitte des Gartens liegt ein großer Fischteich auf gewaltigenQuadern erbaut, daneben ragt das prachtvolle Lustschloß des Königs."
Mit diesen späten Bauten arabischer Fürsten stehen wir schon unmittelbar vor dergroßen Kunstperiode Italiens, die man als Renaissance bezeichnet. Aber die westeuro-päische Entwicklung bewegt sich, wenn sie auch hier und dort nicht unerheblich vonder orientalischen beeinflußt wird, in einem so verschiedenen Tempo, hat so gänzlichverschiedene Richtlinien und Kurven, daß diese arabische Enklave in Westeuropa nurals ein Übergreifen der großen asiatischen Kultureinheit anzusehen ist. Dort knüpfensich die Jahrhunderte zusammen, und die Kontinuität schließt eine so heftig sprungweiseEntwicklung, wie der Okzident sie gesehen hat, aus. Allerdings müssen wir uns beschei-den mit dem wenigen, was hier und dort die Stürme des Mittelalters im westlichenAsien uns übriggelassen haben.
Kein anderes Land hat darunter so gelitten wie Persien. Welch eine wechselnde Reihevon Barbarenhorden sind nach den Arabern über dieses Land eingebrochen, deren „Bar-barei beim ersten Ansturm stets schonungslos wütete, die jedoch dann milderenSitten Platz machte und die Kultur der Besiegten nie ganz zugrunde gehen ließ" 49 .Das überraschendste ist, daß diese Stürme immer nur über die Gipfel hingebraust sind, un-ter ihrem Schutze aber, dem Sturme nicht bis zur Vernichtung erreichbar, blühte die Re-gion weiter, in der die seßhaften Künste, von denen Ibn Chaldun im XIV. Jahrhundertspricht, wuchsen. Persisches W T esen dringt immer schnell wieder zur Oberfläche, selbstunter grausamen, halb mystischen Sekten, wie die der Assassinen. Marco Polo war, alser etwa 1260 durch Persien reiste, in das Geheimnis des „Alten vom Berge" nicht selbsteingedrungen. Er erzählt die wunderbare Geschichte von seinem Paradies, in das die-ser schlafend seine Auserwählten tragen ließ, nur vom Hörensagen. Dies Paradiesselbst aber ist ein Garten, wie wir ihn wohl kennen: in einem schönen, von zwei Ber-gen eingeschlossenen Tal hatte der Herrscher einen überaus prächtigen Garten angelegt,in welchem köstliche Früchte und die duftigsten Blumen, die man sich nur denkenkann, wuchsen. Pavillons und Paläste von mannigfacher Größe und Form waren aufverschiedenen Terrassen übereinander gebaut, geschmückt mit Gold, Gemälden und ver-schiedenen Seidenstoffen. Man sah in diesen Gebäuden viele Springbrunnen mit klarem,frischem Wasser, an anderen Orten flössen ganze Bäche von Wein, Milch und Honig 50 .Maundeville fügt, selbstverständlich auch nur von Hörensagen, den echt asiatischen Zugdazu: „über dem Haupte des Priesters Johann — wie der Alte im Abendlande manchmalgenannt war — wölbt sich, wenn er zu Tische sitzt, eine Laube mit Weinranken und Trau-ben, wo die weißen und roten Trauben von Edelsteinen und die Blätter von Gold sind 51 ."
Als dann ein Jahrhundert später dem Welteroberer Timur ganz Westasien zufiel,da schlug sein Schwert wohl ganze Völker zu Boden, aber derselbe blutige Tyrannwar ein großer Förderer der Künste, und jede glänzende Waffentat, jedes erfreulicheEreignis, suchte er durch irgendein architektonisches Monument zu verewigen 52 . SeinStammland Bochara und Samarkand gelangte unter ihm nochmals zu einer hohen Blüte.Bochara hatte schon einmal im IX. Jahrhundert unter dem Samaniden-Emir Ismael eineZeit gehabt, wo es von einem Kranz von Villen und Palästen umgeben war, deren Obst-gärten von arabischen Reisenden hoch gerühmt wurden 53 . Elf große Kanäle hatte dieserHerrscher um die Stadt angelegt, und am Ufer eines einzigen dieser Kanäle sollen 2000Lustschlösser existiert haben. Timur machte, ohne die anderen Städte zu vernach-