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Ravenna — Theoderich
4. KAP.
In Italien selbst ist der Westen, die große Völkerstraße der germanischen Heerwan-derungen über Toskana nach Rom hin so häufig den Verwüstungen ausgesetzt gewesen,daß in diesen klassischen Stätten der Gartenkultur sich wenig bis über das V. Jahr-hundert gerettet haben wird. Als aber die Kaiser selbst sahen, daß ihnen an der Ost-küste ein sicherer Zufluchtsort winkte, und sie ihre Residenz nach Ravenna verlegten,hat sich dort durch günstige Umstände gesichert noch 150 Jahre etwa eine Freistattantiker Kultur erhalten. Die ravennatische Küste war schon zur früheren Kaiserzeitmit Villen und Lustschlössern bedeckt. Nero hatte einst, um dort in den Besitz einerköstlichen Villa zu gelangen, seine VaterschwesterDomitia ermorden lassen, er selbst hattesich an dieser Stelle ein prächtiges Lustschloß erbaut 165 , das noch zur Zeit des Cassius Diobewundert wurde. Martial preist das herrliche Meer mit seinem Villenstrande, an dem ergerne sein Leben beschließen möchte 166 . Weit berühmt war schon damals dasPinetum,ein meilenweiter Pinienwald, dessen Kronendach kühlen Schatten im Sommer ge-währte, während sich im Frühling der Boden mit zahllosen Blumen bedeckte. NachdemRavenna Residenz geworden war, zog sich natürlich die ganze vornehme Welt aus denunsicheren römischen Villenplätzen hierher zurück. Der Gote Theoderich aber, dersich völlig als ein Erbe der Römer fühlte und dessen Gesinnung sich in seiner Anordnungfür seinen Baumeister aussprach: „von den Werken der Alten sollen sich die unseren nurdurch die Neuheit unterscheiden", hat nicht nur das Alte geschont, sondern sich auchin seinen großartigen Neubauten möglichst an seine Vorbilder angelehnt. Von seinemvielberühmten Palaste freilich ist uns nicht einmal eine Ruinenspur geblieben, dochzeigt ein Mosaik in der Kirche San Apollinare Nuovo, das die Unterschrift Palatium trägt,wahrscheinlich den Hauptteil des Gebäudes. Auch hier wieder wird eine Portikusfassadevon einem Turme flankiert und dahinter liegen verschiedene Peristyle mit anderen Ge-bäuden. Zwischen den Säulen befinden sich Spuren von Statuen, die einem späteren ver-unstaltenden Zusatz von Vorhängen haben weichen müssen 167 .
Ein anderes Denkmal ist in dem Grabmal Theoderichs erhalten, heute liegt derBau außerhalb der Stadt in einem dichtbelaubten Park, einst war hier noch eine leb-hafte Vorstadt. Gleichwie Augustus sich zu Lebzeiten ein Grabmal erbaute, es miteinem Park umgeben ließ und diesen dem Volke schenkte, so errichtete sich auch Theo-derich diesen stolzen Rundbau. Auch ihn werden wir uns mit Bosketts und Spazier-wegen umgeben denken müssen. Ging auch die große Zeit Ravennas mit Theoderich zuGrabe, so blieb die Stadt doch weiter eine Hochburg byzantinischer Kunst. Und dieserdanken wir es, daß Italien nicht entblößt war von Vorbildern, von denen die Kultur-träger des Mittelalters, die Mönche, die Gartenkunst lernen und, wenn auch an be-scheidenem Faden, die Traditionen des Altertums weiterführen konnten.
V.