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Römische Balkongärten
4. KAP.
Die Atrien, die Vitruv noch für die villa suburbana verlangt, fehlen; sie warenin jener Zeit ganz veraltet. Selbst die kleine, mit so viel Geschmack ausgestatteteVilla in Bosco reale, die doch in erster Linie eine villa rustica mit Herrenräumenist, hat kein Atrium. Die Zimmer gruppieren sich um ein großes Peristyl, das, nachseinem malerischen Schmuck und den vier kleinen Eckbrunnen zu schließen, ein schönerheiterer Garten war. Plinius nennt ein Atrium in seinen Tusci „nach Weise derVäter". Höchstens deutete man sie in den Vorstadtvillen als halboffene Schmuck-räume um, wie in einer afrikanischen Villa bei Uthina, wo um ein sehr großes Garten-peristyl sich fünf kleine Atrien herumlegen, jedes als ein Mittelpunkt für eine Zimmer-gruppe 137 . Man brauchte damals weit mehr Licht, als sie ein Atrium geben konnte,und über den eigentlichen Zweck der Atriumanlage, das Sammeln von Regen-wasser, war man überall auf römischem Gebiete längst hinaus, denn Wasserbeschaffung,nicht allein für Rom und seine Umgebung, sondern überall, wo Villenzentren ent-standen, war eins der Hauptaugenmerke der Kaiserzeit. Die Gärten wurden mit Spring-brunnen, Wassertreppen 138 und allerlei Wasserkünsten belebt. Wie weit Wasser-orgeln 139 , die die Renaissance so gerne in ihren Gärten anbrachte, schon im Altertumzu Schmuck und Belebung der Gärten dienten, wissen wir nicht. Daß man sie kannteund ihr Spiel sehr liebte, bezeugen eine ganze Reihe von Quellen.
In Rom selbst gestaltete sich die Wohnweise zur Zeit der Kaiser in immer schrofferenGegensätzen. Während der Kranz der Vorstadtvillen sich immer mehr ausdehnte, auchdie öffentlichen Anlagen immer prächtiger wurden, wurde das Wohnen im Innern derStadt immer enger. Die Mietskasernen, deren Höhe nur in den amerikanischen Städtenunserer Tage übertroffen wird, waren an allen vier Seiten von Straßen umgeben. Die Höfemußten dabei zu Lichtschachten verkümmern. Aber selbst in den Stadtpalästen scheinenbepflanzte Höfe schon eine Seltenheit gewesen zu sein. Crassus besaß in seinem Stadt-palast einen Hof mit sechs Lotosbäumen, die eine besondere Berühmtheit erlangten underst im Neronischen Brande untergingen. Dem älteren Plinius erscheint dies Besitztumim inneren Rom schon als eine ganz besondere Kostbarkeit 140 . War aber so die Möglich-keit, auf der Erde einen Gartenfleck auszusparen, verschwunden, so half man sich wieheute in den Großstädten mit der Zimmergärtnerei. Vor den Fenstern, höchstwahr-scheinlich auf breiten Baikonen, mit denen die Häuser bis in die höchsten Etagenüberall geziert waren, legte man sich Blumengärten an, „um täglich die Augenan diesem Abbild des Gartens als einem Stück Natur zu weiden" 141 . Eines derFresken in Bosco reale zeigt in etwas malerischer Anordnung des Gartenschmuckesein Haus mit Balkons und Söller (Abb. 90). In kleineren Städten benutzte man wohlauch die Dächer der Peristyle zu Söllergärten. In Pompeji kann man im Hause desSallust auf das Dach eines Peristyls, das auf zwei Seiten als Solarium angelegt war,heraufsteigen. Diese Söllergärten müssen einen ziemlichen Umfang gehabt haben,wenn Martial mit spöttischem Danke einem Gönner ein kleines Landgeschenk quittiertund meint, daß das Gärtlein vor seinem Fenster größer wäre 142 . Natürlich waren auchdiese Balkone für Einbrecher eine günstige Gelegenheit, und Plinius 143 meint, daßdie frechen Diebstähle viele zwang, ihre Balkongärten abzuschaffen. Wie die Balkoneund Portikusdächer so wurden auch die flachen Dächer der Großstadthäuser überallfür Gartenanlagen benutzt, ein kunstvoller Unterbau schützte sie vor Feuchtigkeit.Obenauf wurden Kästen gestellt oder eingelassen, in denen man eine üppige Vegetation,