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Das Gymnasium in Delphi
3. KAP.
wurde sicher der offene, von Mauern umgebene, mit hohen Platanen bepflanzte Spiel-platz Xystos genannt. Seinen Namen soll er davon erhalten haben, daß Herakles sichhier übte und jeden Morgen den hier dicht wachsenden Akanthus vorher dazu abschor.Die Etymologie soll nicht geprüft werden, doch würde der Akanthus 69 , der hier dieÜbungsbahn bedeckte, dem Rasen unserer Zeit entsprechen. Von andern werden dieseÜbungsbahnen im Freien auch Xystosgarten 70 oder häufiger noch Xystosbahnen ge-nannt. Als dann mehr und mehr die Gymnasien Jugenderziehungsstätten wurden,brauchte man gedeckte Hallen, um den Unterricht nicht durch jede Witterungsunbillunterbrechen zu lassen. Diese wurden nun zu den Hauptbahnen, den eigentlichenXystoi, während die Gartenanlagen im Freien, die nun eine Art Parterre neben derPortikus wurden, nur noch als „Nebenbahnen" angesehen wurden.
Vitruv nennt sein Gebäude, wie erwähnt, Palästra, nicht Gymnasium. Ganz zweifel-los wurden im späteren Altertume die beiden Worte „Palästra" und „Gymnasium" ziem-lich gleichbedeutend gebraucht 71 . Doch muß im Auge behalten werden, daß das, wasVitruv schildert, nichts weiter ist, als die unmittelbar für den gymnastischen Unter-richt notwendigen Teile. Die Gymnasien aber umschlossen schon in klassischer Zeitneben den Übungsplätzen, den eigentlichen Palästren, innerhalb schöner, reichbe-wässerter Gartenanlagen Götterheiligtümer, Tempel, Altäre, Kapellen und waren miteiner Fülle von Statuen geschmückt; Schwimmbassins im Freien haben nicht ge-fehlt, wie wir in Delphi sehen können. Auch die Bäder werden nicht überall un-mittelbar ein Teil der eigentlichen Palästra gewesen sein. Was anfangs eine ganz be-scheidene Anlage war — in Priene ist noch gar kein Warmbad vorhanden 72 — wurdespäter so bedeutsam, daß man die Begriffe , Gymnasium" und „Thermen" häufig gleich-setzte. So verstehen wir, wenn in Milet ausdrücklich von den „Gebäuden" des Gym-nasiums gesprochen wird. Und die Ruinen gerade der ältesten Gymnasien bestätigendies. Das Gymnasium von Delphi 73 (Abb. 53) ist auf zwei Terrassen angelegt, da dersteile Berghang für die ebene Entfaltung keinen Raum bot. Die ältesten Teile, wie dieschöne polygonale Stützmauer der oberen Terrasse und das darunterliegende Peristylum einen Hof — in einer delphischen Rechnung Ballspielplatz genannt —, um das sichGänge und Zimmer gruppieren, stammen aus dem VI. Jahrhundert. Darüber liegt aufder oberen Terrasse langgestreckt die breite, offene Ubungsbahn, der Paradromos. Die be-deckte Winterhalle, die sich dahinter an den Berg lehnt, gehört erst dem IV. Jahrhundertan. Es ist also nicht unwahrscheinlich, daß in der älteren Zeit ebenso wie in Elis hiernur ein Übungsplatz unter freiem Himmel als Xystos bestanden hat, ehe man die be-deckte Bahn baute. Zu gleicher Zeit erweiterte man auch die Unterterrasse nachWesten und legte dort ein kreisförmiges, schönes Schwimmbad an, es ist das erste be-kannte unter freiem Himmel. Stufen führen in das Bassin herunter, und aus der Stütz-mauer dahinter sprudelte Wasser in steinerne Waschbecken (Abb. 54). Ringsumherlagen auf dem geglätteten unbebauten Terrain der Terrasse sicher Gartenanlagen.Auf der oberen Terrasse durchschneidet hier über der Badanlage ein schmaler Kanaldie Bahn, der jedenfalls als Reservoir für das Bad gedient hat. Wir dürfen auch hierBosketts und andere Gartenanlagen annehmen. Die erwähnte delphische Rechnungnennt unter den Arbeiten das Umgraben und Glätten des Xystos mit seiner Neben-bahn, des Peristyls und Ballspielplatzes. Der Xystos wird mit weißer Erde bedeckt,der Ballspielplatz mit schwarzer 74 .