Druckschrift 
1 (1909)
Entstehung
Seite
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spielte und sich um Carausot so wenig kümmerte, wie einBengel auf dem Olymp sich um eine weggeworfene Apfel-schale kümmert, die Sinnenliebe über die reine Liebestellte, den Genuß über die Sehnsucht, und der Dämonder Wollust gab ihm wilde Gedanken ein.

,Ich weiß nichts von der Lust, die in einem prächtigenSchmause, im Weine, in den stofflichen Freuden steckt,'sagte er sich. ,Ich habe bisher mehr im Denken als in derWirklichkeit gelebt. Ein Mann, der alles schildern will, mußalles kennen. Heute steht mir nun mein erster üppigerSchmaus, meine erste Orgie in einer seltsamen Welt bevor,warum soll ich nicht einmal die berühmten Wonnen kosten,in die sich die großen Herren des vorigen Jahrhundertsstürzten, um mit Sünderinnen zu leben? Wenn es auch nurdarum geschähe, sie in die schönen Gefilde der wahren Liebemit hinüberzuführen; muß man nicht die Freuden, die Voll-kommenheiten, die Leidenschaft, die Mannigfaltigkeit, dieRaffiniertheit der Liebe bei Kurtisanen und Schauspiele-rinnen kennen lernen? Ist das nicht schließlich die Poesieder Sinne? Vor zwei Monaten schienen mir diese FrauenGöttinnen, die von unüberwindlichen Drachen behütetwürden; hier ist nun eine, deren Schönheit die Florinensübertrifft, um die ich Lousteau beneidete: warum soll ichvor ihrer Anwandlung fliehen, wenn vornehmste Herrensolchen Frauen eine Nacht mit ihren reichsten Schätzenbezahlen? Wenn Hochgestellte den Fuß in diese Höhlensetzen, kümmern sie sich nicht um das, was vorher war undnachher sein wird. Ich wäre ein Esel, wenn ich empfind-licher wäre als Fürsten, besonders wo ich noch keine Frauliebe.' Lucien dachte nicht mehr an Camusot. Nach-dem er Lousteau gegenüber den tiefsten Abscheu gegendie widerwärtigste aller Teilhaberschaften ausgesprochenhatte, fiel er in denselben Graben; die Gier erwachte inihm, der Jesuitismus der Leidenschaft riß ihn fort.

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