Druckschrift 
1 (1909)
Entstehung
Seite
162
Einzelbild herunterladen
 

war immer offen, die Leute kamen und gingen, nichtsGeheimnisvolles kündete die reizenden Verbrechen derLiebe usw. Stanislaus, dem es an einem gewissen QuantumDummheit nicht fehlte, versprach, er wolle am nächstenTag auf den Fußspitzen sich heranschleichen, und Ameliebestärkte ihn in diesem Vorsatz lebhaft.

Dieser nächste Tag war für Lucien einer von denen, wojunge Menschen sich die Haare ausraufen und sich geloben,der törichten Zeit des Schmachtens endlich ein Ende zumachen. Er hatte sich an seine Stellung gewöhnt. DerDichter, der in dem geheiligten Boudoir der Königin vonAngouleme kaum gewagt hatte, sich auf einen Stuhl zusetzen, hatte sich in einen drängenden Liebhaber ver-wandelt. Sechs Monate hatten genügt, damit er sichLouise ebenbürtig fühlte, und er wollte jetzt ihr Herrsein. Als er von zu Hause wegging, versprach er sich,sehr unvernünftig zu sein, alles daranzusetzen, alle Mitteleiner flammenden Beredsamkeit anzuwenden; er wolltesagen, er hätte keinen Kopf mehr, er wäre unfähig, einenGedanken zu fassen oder eine Zeile zu schreiben. MancheFrauen haben eine schreckliche Angst vor festen Ent-schlüssen, die ihrem Zartgefühl Ehre macht, sie wollen derVerführung weichen, aber nicht der Konvention. Niemandwill einen Genuß, zu dem er gezwungen wird. Frau vonBargeton bemerkte auf Luciens Stirn, in seinen Augen,seiner ganzen Physiognomie und seinem Auftreten dasaufgeregte Wesen, das eine feste Entschließung verrät:sie nahm sich vor, sie zu vereiteln, ein wenig aus Wider-spruchsgeist, aber auch aus einer edlen Auffassung derLiebe. Als überspannte Frau war sie gewöhnt, ihreMeinung von dem Wert ihrer Person zu überschätzen-In ihren Augen war Frau von Bargeton eine Fürstin, eineBeatrice, eine Laura. Sie setzte sich, wie man's im Mittel-alter tat, unter den Baldachin des Dichterturniers, und

162