386
4. Der Unterricht im Turnen.
Montaigne und Comenius aus. Besonders aber betonte der EngländerJohn Locke in seinen »Gedanken über die Erziehung der Kinder« dieGesundheitspflege als ein wichtiges Stück der Erziehung. Rousseaustellte in seinem »Emil« die Grundsätze Lockes als Muster auf. »Dasgrofse Geheimnis der Erziehung ist,« sagt er, »es so einzurichten, dafsLeibes- und Geistesübungen einander stets zur Erholung dienen.«
In den deutschen Ritterakademien hatten die »Hof- und Ritter-exercitien« thatsächlich fortbestanden. Durch B. Basedow (1724—1790)wurden die Leibesübungen im Philanthropin zu Dessau eingeführt unddie diesbezüglichen Bestrebungen durch die fortziehenden Lehrer in dievon ihnen gegründeten Anstalten verpflanzt. Auf die leibliche Erziehunglegte besonders Salzmann in seinem Institute zu Schnepfenthalein grofses Gewicht. Im Jahre 1785 übertrug er die Leitung der Leibes-übungen seinem Mitarbeiter J. Chr. F. GutsMuths (1759—1839), welcherals Begründer der deutschen Institutsgymnastik anzusehen ist. Die dor-tigen "Übungen bestanden anfangs im Wettlaufen, Springen über einenGraben oder über die Schnur, in forcierten Märschen, im Werfen nachdem Ziele, Gehen auf Brettkanten, Heben von Gewichten, Schlittschuh-laufen, Reiten und Tanzen. Den ästhetischen und nationalen Gesichts-punkt stets im Auge behaltend, schrieb er unter Hinweis auf das Beispielder Griechen 1793 das erste Hauptwerk über körperliche Übungen:»Gymnastik für die Jugend«, sodann 1796: »Spiele zur Er-holung und Übung des Geistes und Körpers für dieJugend« und, durch Jahns Bestrebungen veranlafst, 1817: »Turn-buch für die Söhne des Vaterlandes«. Wie GutsMuths durchdiese Schriften für die Entwickelung der Gymnastik bedeutende Anregungengegeben, so hat er auch durch die stete Fortbildung der erwähntenÜbungen den ersten Grund zu den Gerät Übungen gelegt. — Fast gleich-zeitig mit GutsMuths' »Gymnastik« erschien Gerh. Ulr. Ant. Vieths»Versuch einer Encyklopädie der Leibesübungen« (Leipzig 1794—95). —Auch der Vater der neueren Pädagogik, Pestalozzi, hat in seinerMenBchenbildungsanstalt zu Herten den Leibesübungen eine Stätte be-reitet und in seinem Aufsatz »Über Körperbildung« die Gymnastik aufeine elementare Grundlage zu stellen versucht. Doch blieb der geregelteBetrieb derselben bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts meist nur aufeinzelne Bildungsinstitute beschränkt.
7. Die neuere Zeit und das volkstümliche Turnen. Das Verdienst,die Leibesübungen zur Volkssache gemacht zu haben, gebührt Fried.Ludwig Jahn, geb. 1778 zu Lanz in der Priegnitz, gest. 1852 zu Frei-burg a. d. Unstrut. Er sah als 27 jähriger Mann die Not des Vaterlandesmit tiefem Schmerze; der Gram über die gänzliche Niederlage bei Jena(1806) bleichte ihm in einer Nacht die Haare. Von der Überzeugungbeseelt, dafs die Schmach des Vaterlandes nur getilgt werden könne,wenn das heranwachsende Geschlecht abgehärtet, gekräftigt und wehr-haft gemacht werde, gab er, seit 1810 Lehrer an der Plamanschen Er-ziehungsanstalt in Berlin, den Körperübungen seiner Schüler nach und