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2 (1899) Praktische Unterrichtslehre für Seminaristen und Volksschullehrer : [mit Katholischer Katechetik]
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373
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§ 110. I. Wesen, Zweck und Bedeutung des Turnunterrichtes. 373

und somit Harmonie in die Erziehung bringen. Dies wirdangestrebt

a) durch Förderung der leiblichen Entwickelung undStärkung der Gesundheit (Leibespflege);

ß) durch Herausbildung aller Kräfte -zur Gewandtheitim Gebrauch der Sinne und Glieder (Leibeserziehung) und

y) durch Gewöhnung an gute Haltung, gefälligeBewegung, schöne Selbstdarstellung (Leibesbildung).

b) Dem pädagogischen Zwecke dient das Turnen inethischer Hinsicht, wenn bei einer gesunden Leiblichkeit inschönster Harmonie mit dem Seelenleben als herrliche Blütensich entfalten: Beharrlichkeit und Ausdauer, Selbst-beherrschung und Entsagung, Besonnenheit und Mutund besonders Willens- und Thatkraft.

In disziplinarer Hinsicht bewirkt die dem Turneneigene innere Ordnung und Aufeinanderfolge der Übungen, dieUnverbrüchlichkeit des Gesetzes bei Spiel und ernster Übung,das Zusammenleben vieler und die Gleichheit des freudigenStrebens: kernhafte Lebensfreudigkeit, gesunden Wett-eifer, willigen Ordnungssinn, edlen Gemeingeist undnationale Gesinnung.

3. Wichtigkeit. Da sich die angegebenen Zweckezweifelsohne durch das Turnen fördern lassen, so mufs diesemErziehungsmittel eine sehr hohe Bedeutung für die Volks-wohlfahrt zuerkannt und es für die gesamte (männliche undweibliche) Jugend in Stadt und Land als wichtig, ja als not-wendig erklärt werden.

Wohl werden die Landkinder gegen manche Einflüsse ab-gehärtet, aber sie sind meist ohne Haltung, ohne Form, ohne Be-weglichkeit, haben grofse Kniee und Ellbogen, schweren Tritt,steifen Hals. Oft drückt die Last der Arbeit den schön angelegtenJungen breit zu einer Karikatur, macht ihn schwerfällig und un-gelenkig. Diese Eckigkeit und leibliche Unbehilflichkeit wirkt auchauf den Willen zurück, der meist so wenig ausdauernd und ebensoschwankend und unselbständig ist, wie die versteiften, einseitig ent-wickelten Arme und Beine. Aber wir brauchen auch ein frisches,kräftiges weibliches Geschlecht, wenngleich im Mädchenturnen dieBildung zur Kraft und Gewandtheit nur so weit zu fördern ist, alses die Gesetze der Anmut und Schönheit gestatten.