§ 98. IV. Zur Geschichte des naturkundlichen Unterrichtes. 309
versiegender Fülle hervorquillt, zu reichen, bot man ihr eine toteund verjährte Bücherweisheit als Nahrung.«
2. Gegen diese zu jener Zeit übliche Unterrichtsweise trat zuerstin England eine entschiedene Reaktion ein. Bacon von Verulam(1561—1626) war es, der das sklavische Nachbeten des Überliefertengeifselte und zur unmittelbaren Beobachtung der Schöpfung selbstaufforderte.
»Der Mensch, ein Diener undAusleger der Natur,« sagter, »wirkt und erkennt in dem Mafse, als er die Naturord-nung durch Experiment wirkend oder durch Beobachtungerfahren hat; mehr weifs und vermag er nicht.« — »Alles kommt daraufan,« fährt er fort, »dafs wir die Augen des Geistes nie von den Dingenselbst wegwenden und ihre Bilder, ganz so wie sie sind, in unsaufnehmen.« Von einem klaren, wahren, sinnlichen Auffassen derKreaturen, Qualitäten, Kraftäufserungen müsse der Naturforscher Schrittfür Schritt, nicht sprungweise, zu Axiomen, zur Einsicht und zum Aus-sprechen von Naturgesetzen und Ordnungen aufsteigen. Die Me-thode der Induktion sei der wahre und einzige Weg zur Erkenntnisder Natur.
Diese Lehren Bacons übten auf die Pädagogen jener Zeit grofsenEinflufs. Abgesehen von Ratichius (1571—1635), dessen Grund-satz: »Alles durch Erfahrung und Untersuchung«, daraufhinweist, dafs er von Bacon gelernt, läfst sich derselbe auf dengröfsten Pädagogen des 17. Jahrhunderts, auf Comenius (1592 bis1671), bestimmt nachweisen.
»Wohnen wir nicht,« sagt Comenius, »ebenso gut als die Früherenim Garten der Natur? Warum sollen wir nun nicht ebenso wohl wie sieAugen, Ohren, Nase brauchen: warum durch andere Lehrer als dieseunsere Sinne die Werke der Natur kennen lernen? Warum, sage ich,sollen wir nicht statt toter Bücher das lebendige Buch der Natur auf-schlagen, in welchem viel mehr zu schauen ist, als uns je einer erzählenkönnte, und dies Schauen bringt zugleich mehr Freude und Frucht.« —»Die Menschen müssen,« sagt er an einer anderen Stelle, »so viel alsmöglich angeleitet werden, ihre Weisheit nicht aus Büchern zu schöpfen,sondern aus Betrachtung von Himmel und Erde, Eichen und Buchen,d. h.: sie müssen die Dinge selbst kennen und erforschen, nicht blofsfremde Beobachtungen dieser Dinge und Zeugnisse von denselben.«
Für die Realisierung dieser vortrefflichen Ideen waren zu jenerZeit die Bedingungen noch nicht vorhanden. Zwar ging man hieUnd da auf dieselben ein (so sind z. B. die die Naturkunde be-treffenden Anweisungen des 1642 erschienenen Gothaischen Schul-Methodus auf sie zurückzuführen); allein die damaligen Lehrer,selbst sehr mangelhaft mit exaktem Wissen ausgestattet, waren nichtimstande, den Lehrstoff für den elementaren Unterricht passend