Druckschrift 
2 (1909)
Entstehung
Seite
397
Einzelbild herunterladen
 

gäbe meinen Kopf nur her, nachdem ich meine Feindezu Boden getreten hätte."

Lucien blieb still, er verspürte keine Lust mehr, diesenPriester aufzuziehen.

„Die einen stammen von Abel ab, die andern von Kain,"fuhr der Domherr wieder fort; „ich bin von gemischtemGeblüt; Kain für meine Feinde, Abel für meine Freunde;und wehe dem, der Kain erweckt! Schließlich, Sie sindFranzose, ich bin Spanier und dazu noch Domherr!"

,Was für eine wilde Natur,' sagte sich Lucien und sahden Schutzherrn an, den der Himmel ihm geschickt hatte.

Der Abbe Carlos Herrera trug keine Kennzeichen ansich, die den Jesuiten oder überhaupt den Ordensgeist-lichen verraten hätten. Er war breit und kurz, hattemächtige Hände, eine gedrungene Gestalt, eine herkulischeKraft, einen schrecklichen Blick, der nur durch eine ge-wisse angenommene Sanftmut gemildert war; dazu kamdie bronzene Hautfarbe, die nichts aus dem Innern nachaußen durchschimmern ließ. Das alles stieß mehr ab,als es anzog. Lange, schöne, gepuderte Haare in derArt, wie der Fürst von Talleyrand sie trug, gaben demseltsamen Diplomaten das Aussehen eines Bischofs, undauch das blaue, weiß eingefaßte Band, an dem ein goldenesKreuz hing, verkündete einen geistlichen Würdenträger.Seine schwarzseidenen Strümpfe schmiegten sich eng anwahrhaft athletische Beine. Sein peinlich sauberes Ge-wand sprach von der Sorgfalt, die er auf seine PersonVerwandte, was die einfachen Priester, insbesondere inSpanien, selten tun. Ein Dreispitz lag auf dem Vordersitzdes Wagens, der das spanische Wappen trug. Trotzdemder Mann so viel Abstoßendes an sich hatte, schwächtenseine Manieren, die zugleich heftig und schmeichlerischwaren, den Eindruck seiner Physiognomie ab; und fürLucien hatte sich der Priester offenbar kokett, sanft und

397