Druckschrift 
2 (1909)
Entstehung
Seite
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er ist ohne Kraft gegen die Verführungen der Wollust,gegen die Verlockungen jeder einzigen seiner ehrgeizigenRegungen. Er ist faul wie alle poetischen Naturen und hältsich für gewandt, wenn er den Schwierigkeiten ausweicht,anstatt sie zu überwinden. Zu mancher Stunde wird erMut haben, aber zu einer andern wird er feig sein. Undman darf ihm seinen Mut nicht hoch anrechnen und seineFeigheit nicht vorwerfen. Lucien ist eine Harfe, derenSaiten je nach den Schwankungen der Atmosphäre straffoder schlaff werden. Er wird imstande sein, in einer Stim-mung der Wut oder des Glücks ein schönes Buch zu schrei-ben, und wird sich dann nichts aus dem Erfolg machen,den er vorher heiß ersehnt hatte. In den ersten Tagen nachseiner Ankunft in Paris kam er in die Abhängigkeit voneinem sittenlosen jungen Mann, dessen Gewandtheit undErfahrung auf den Irrwegen des literarischen Lebens ihngeblendet haben. Dieser Gaukler hat Lucien völlig ver-führt, er hat ihn in ein würdeloses Leben gerissen, über daszu seinem Unglück die Liebe ihren täuschenden Schleiergeworfen hat. Wenn die Bewunderung zu leicht gewährtwird, ist sie ein Zeichen von Schwäche: man darf einenSeiltänzer und einen Dichter nicht mit gleicher Münze be-zahlen. Es hat uns allen weh getan, daß die Intrige unddas literarische Strauchrittertum den Sieg über den Mutund die Ehre derer davongetragen haben, die Lucien rieten,den Kampf aufzunehmen, anstatt den Erfolg zu stehlen,sich in die Arena zu werfen, anstatt ein Trompeter imOrchester zu werden. Die Gesellschaft, verehrte Frau, istseltsamerweise voller Nachsicht für junge Menschen dieserArt; sie liebt sie, sie läßt sich von dem schönen Schein ihreräußern Gaben einnehmen; sie stellt keine Forderungenan sie, sie entschuldigt alle ihre Fehler, sie gewährt ihnenalle Vorteile der ganzen Naturen und will nur ihre Vorzügesehen, kurz, sie macht aus ihnen ihre verzogenen Kinder.

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