Druckschrift 
2 (1909)
Entstehung
Seite
225
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Im Gegensatz dazu ist sie von einer grenzenlosen Strengegegen die starken und ganzen Naturen. Dieses Verhaltender Gesellschaft, das so überaus ungerecht zu sein scheint,ist vielleicht ganz vortrefflich. Sie amüsiert sich über dieSpaßmacher, verlangt nichts anderes von ihnen als Ver-gnügen und vergißt sie schnell, während sie von der Größe,vor der sie das Knie beugen soll, fast göttliche Herrlich-keit verlangt. Alles hat sein eigenes Gesetz: der ewigeDiamant muß fleckenlos sein, das Augenblickskind derMode hat das Recht, leicht, bizarr und ohne Bestand zusein. Daher wird Lucien trotz seiner Irrtümer vielleichtwunderbares Glück haben; es braucht dazu nur, daß ihmirgendein glücklicher Umstand nützlich wird, oder daß erin gute Gesellschaft kommt; aber wenn er einen bösenEngel trifft, wird er bis zum Grund der Hölle gehen. Mandenke sich eine glänzende Vereinigung schöner Dinge, dieauf einen zu leichten Grund gestickt sind; das Alter nimmtdie Blumen weg, es bleibt eines Tages nur das Gewebe; undwenn es schlecht ist, ist es nur ein elender Lumpen. So-lange Lucien jung ist, gefällt er; aber was wird seine Lagesein, wenn er dreißig Jahre alt ist? Das ist die Frage, diesich die stellen müssen, die ihn aufrichtig heb haben. Wennich allein so über Lucien dächte, hätte ich mich vielleichtnicht entschlossen, Ihnen mit meiner Aufrichtigkeit so vielKummer zu machen; aber abgesehen davon, daß es mirIhrer, deren Brief ein Angstschrei ist, und meiner, demSie so viel Vertrauen erweisen, nicht würdig erschiene,den Fragen, die Ihre Besorgnis stellt, mit nichtssagendenRedensarten auszuweichen, sind meine Freunde, die Lu-den kennen, in diesem Urteil alle einmütig: ich habe alsogeglaubt, eine Pflicht zu erfüllen, wenn ich die Wahrheitsage, so schrecklich sie auch ist. Man kann von Lucien imGuten und im Schlimmen alles erwarten. Das ist in einemWort unsere Meinung und der kvirze Sinn dieses Briefes.