Der Sturz eines großen Mannes steht immer im Ver-hältnis zu der Höhe, zu der er gelangt war."
Eva ging nach Hause, voller Schrecken über diesenletzten Satz, der ihr wie ein Pfeil ins Herz gedrungen war.Sie war an der empfindlichsten Stelle ihrer Seele getroffenund bewahrte das tiefste Schweigen über alles, was sie ge-hört hatte; aber mehr als eine Träne fiel auf die Wangenund die Stirn des Kindes, das sie stillte. Es ist so schwer,auf die Illusionen zu verzichten, die der Familiensinn er-zeugt und die mit dem Leben geboren werden, daß EvaEugen von Rastignac nicht glauben wollte; sie wollte dieStimme eines wahrhaften Freundes hören. So schrieb siealso an d'Arthez, dessen Adresse ihr Lucien in der Zeit ge-geben hatte, wo er für den Zirkel begeistert gewesen war,einen rührenden Brief und erhielt die folgende Antwort:
„Verehrte Frau!
Sie bitten mich um die Wahrheit über das Leben, das IhrHerr Bruder in Paris führt. Sie wollen über seine Zukunftklarsehen, und um mich zu zwingen, Ihnen offen zu ant-worten, wiederholen Sie mir, was Ihnen Herr von Rastignacdarüber gesagt hat, und fragen mich, ob die und die Tat-sachen auf Wahrheit beruhen. Was mich betrifft, muß ichdie Mitteilungen des Herrn von Rastignac zu Luciens Vor-teil richtigstellen. Ihr Bruder hat Gewissensbisse gezeigt,er ist mit der Kritik meines Buches zu mir gekommen undhat mir gesagt, er könne sich nicht entschließen, sie zu ver-öffentlichen, obwohl der Ungehorsam gegen die Befehleseiner Partei einer geliebten Person große Gefahr gebrachthätte. Ach! es ist die Aufgabe eines Schriftstellers, dieLeidenschaften zu verstehen, er setzt ja seinen Ruhmdarein, sie zum Ausdruck zu bringen: ich habe also be-griffen, daß bei der Wahl zwischen einer Geliebten undeinem Freund der Freund geopfert werden mußte. Ich222