Druckschrift 
2 (1909)
Entstehung
Seite
157
Einzelbild herunterladen
 

Coralie bekam ein schreckliches Fieber, sie war imInnersten getroffen. Am nächsten Tage war es ihr un-möglich, zu spielen: sie sah sich in ihrer Karriere aufge-halten. Lucien verbarg ihr die Zeitungen, er las sie im Eß-zimmer. Alle Berichterstatter schrieben die Niederlage desStückes Coralie zu: sie hatte von ihren Gaben eine zu hoheMeinung gehabt; sie, die das Entzücken des Boulevard-publikums war, war am Gymnase nicht am Platz; sie wardurch einen löblichen Ehrgeiz dahin gebracht worden, abersie hatte ihre Mittel nicht in Betracht gezogen, sie hatteihre Rolle falsch aufgefaßt. Lucien las nun Artikel überCoralie, die in derselben heuchlerischen Art abgefaßt waren,wie er über Nathan geschrieben hatte. Eine Wut, dieMilons von Croton würdig gewesen wäre, als er seine Händein der Eiche gefangen fühlte, die er selbst auseinander-gerissen hatte, brach bei Lucien aus, er wurde leichenblaß:seine Freunde gaben Coralie mit wunderbar gütigen, freund-lichen und teilnehmenden Worten die perfidesten Rat-schläge. Man sagte ihr, sie müßte Rollen spielen, von denendie tückischen Verfasser dieser infamen Artikel wissenmußten, daß sie ihrem Talent gänzlich widerstrebten. Sosah es in den royalistischen Zeitungen aus, deren Mit-arbeitern ohne Frage Nathan den Ton angegeben hatte.Die liberalen Blätter und die kleinen Skandalblätter ent-falteten die Perfidien und Bosheiten, die Lucien selbst oftgenug geübt hatte. Coralie hörte ein paar Seufzer, siesprang aus ihrem Bett, erblickte die Zeitungen, wollte siesehen und las sie. Dann legte sie sich wieder ins Bett undsprach kein Wort. Florine war mit in der Verschwörung,sie hatte den Ausgang vorausgesehen und die Rolle Cora-lies einstudiert. Nathan war ihr dabei an die Hand ge-gangen. Die Direktion, die auf das Stück Wert legte,wollte Coralies Rolle Florine geben. Der Direktor suchtedie arme Schauspielerin auf, die er in Tränen und sehr

157