Druckschrift 
2 (1909)
Entstehung
Seite
148
Einzelbild herunterladen
 

„Wenn man Sie zum besten hat, was wollen Sie danntun?" sagte Finot schließlich. „Wenn irgendein Ministerglaubt, er halte Sie an der Halfter Ihres Renegatentumsfest, Sie nicht mehr fürchtet und Sie zurückweist, tut esdann nicht not, daß Sie ein paar Hände haben, die ihn indie Waden beißen? Mit Lousteau sind Sie tödlich ver-feindet, er verlangt Ihren Kopf. Felicien und Sie sprechennicht mehr zusammen. Ich allein bin Ihnen geblieben! Esist eines der Gesetze meines Berufs, mit wahrhaft starkenMännern in gutem Einvernehmen zu sein. Sie können mirin der vornehmen Welt, in die Sie gehen, die Dienste ver-gelten, die ich Ihnen in der Presse erweise. Aber das Ge-schäft geht vor allem! Schicken Sie mir rein literarischeArtikel, die werden Sie nicht kompromittieren, und Siemüssen Ihren Verpflichtungen nachkommen."

Lucien sah in diesen Worten Finots, dessen schmeichel-hafte Reden ebenso wie die von des Lupeaulx ihn in guteLaune versetzt hatten, nur ein Gemisch aus Freundschaftund kluger Berechnung: er dankte Finot!

Im Leben der Ehrgeizigen aind aller derer, die nur mitHilfe der Menschen und der Dinge durch einen mehr oderweniger gut berechneten, befolgten und aufrechterhaltenenPlan ans Ziel gelangen können, kommt immer ein grau-samer Augenblick, wo irgendeine Macht ihnen schwere Prü-fungen auferlegt: alles schlägt mit einemmal fehl, auf allenSeiten reißen die Fäden oder verwirren sich, es geht überallunglücklich. Wenn einer in diesem moralischen Zusammen-bruch den Kopf verliert, ist er verloren. Die Männer, diedieser ersten Auflehnung der Umstände Widerstand zuleisten verstehen, die dem Unwetter trotzen und es vor-überziehen lassen, die sich retten und mit gewaltigen An-strengungen in die oberen Sphären klettern, sind die wahr-haft starken Männer. So hat jeder, wenn er nicht reichgeboren ist, was man seine Schicksalswoche nennen muß.

148