Druckschrift 
Rainer Maria Rilke
Entstehung
Seite
57
Einzelbild herunterladen
 

Mund gehalten und geschmatzt dabei, und der Bissenwar liegen geblieben. So sah er jetzt dem Abfall gleichund war im Weg, soviel Süße auch in ihm gewesensein mochte."

„Dies schrieb ich heute früh in mein Taschenbuch,Du wirst merken, um wen sichs handelt. Gestern kamDein guter Brief. Ja, die zwei Elegien sind da -, abermündlich kann ich Dir sagen, ein wie kleines undwie scharf abgebrochenes Stück sie bilden von dem,was damals in meine Macht gegeben war. Verhält-nisse und Kräfte wie zur Zeit, da das „Stundenbuch"begann -: was wäre nicht alles gehoben worden. —"

Das „Stundenbuch", war zur Zeit seiner Entstehungnicht für den Druck bestimmt, und es kostete seinemVerfasser einen großen Kampf, ehe er nach fünf Jahren(1905) sich dazu entschloß, es herauszugeben. Einpaar Jahre lang hatte er es nicht wiedergesehen; nach-dem ich es ihm gesandt, schrieb er aus Worpswede:

„Das alte schwarze Buch wieder in Händen zuhalten, das war Wiedersehen; und so, wie es war,gewoben aus Freude, Erkennen, Sehnsucht und Dank,Unterwerfung und Aufrichtung, schien es ein ge-steigertes Vorgefühl jenes andern Wiedersehens, andas ich denke.

„Die alten Gebete klangen wieder—in dieser grauenZelle hier; sie klangen so unverwandelt verwandt,und wie damals war ich der Turm, dessen große

57