Druckschrift 
3 (1800)
Seite
185
Einzelbild herunterladen
 

185solchen Lebens empfinde. — Aber wie vieleMenschen sind wohl, die Zeit und Kraft zur ru-higen und ernsten Prüfung besitzen? Wievielesind fähig die Stärke dieser, aus dem Innerstender menschlichen Natur, durch langes und an-haltendes Nachdenken geschöpften Grund zu füh-len, und ſo zu fuͤhlen, daß ſie ſich lebendig undwirksam in Gesinnungen und Handlungen zeigen?Muß ich nicht selbst an der Fähigkeit eines gutenTheils derer noch zweifeln, die sich aus Eitelkeitſo gerne mit einem Scheine des philoſophiſchenTiefsinns umgeben, und unter einem Schwall-von hochtrabenden Worten, die Unfähigkeit ih-res Kopfes, so wie die Unlauterkeit ihres Her-zens, nur mühsam verbergen? — Aber auch da-von weggesehen, wie ist es mit mir selbst beschaf-fen, wenn sich das Gesetz in meinenGliedern, wider das Gesetz in mei-nem Gemüthe, wenn sich meine Sinnlich-keit wider meine Vernunft empöret? Wennmich die mächtigsten Leidenschaften, die stärkstenLüste aus meinem ruhigen Nachdenken reißen,und mir auf der Bahn des Lasters die mannich-falligsten, die reizendsten Vergnügungen undVortheile zeigen? Wenn ich wohl gar die Tu-gend selbst nicht ohne großen Verlust, nicht ohnebittere Leiden und drohende Gefahren ausübenkann? Welch ein fürchterlicher, mein Innerſteszerreißender Kampf entstehet dann nicht, zwiſchenmei=