»•eichten Lebensauffassung der rauschenden Gegenwart vereinte, brauchte,um sich an der Macht zu halten, die Anhänglichkeit der Geschlechter unddie Gunst des Volkes; so hat sich in Florenz, wo es, wenigstens dem An-schein nach, keine Dynastie, keine Tyrannei gab, sondern stets nur einenprimus inter pares, ein sozusagen freundschaftliches, trotz allen Standes-unterschieden gewissermaßen vertrauliches Verhältnis zwischen Patriziernund Plebs herausgebildet, und nirgendwo sonst in Italien hat die überallvon den Machthabern gepflegte Literatur jene Sonderstellung bezogen,die einerseits aus dem Volke nahm, andererseits dem Geschmacke derhöhern Stände Rechnung trug. Cosimo verkehrte mit seinen Bauern wiemit seinesgleichen, und Lorenzo und seine Höflinge mischten sich zwi-schen der Tjost und der Akademie in die Tänze der Schnitterinnen undder Winzer und nahmen teil an den Festen der städtischen Zünfte. Dabeiwurde richtige Volkskunde betrieben, zwar nur zu dem Nutzen derer, diesie betrieben, aber aus den Dichtungen des Magnifico und seiner Hof-poeten gewinnt man, wenn nicht ein Bild des damaligen Lebens derLandleute und der Kleinbürger, so doch breite Ausschnitte aus ihm. Sicher-lich dürfen wir nicht annehmen, Lorenzo oder Pulci und die andern hättensich alles, was sie Hübsches oder Kurioses sahen und hörten, in Hefteeingetragen; von Polizian aber wissen wir es, wüßten es, auch wenn wirnicht jetzt sein Tagebuch vor uns hätten, aus jenem Reisebriefe vom2. Mai 1488, worin er seinem Gönner mitteilt, daß er und seine Gefährtenauf dem ganzen Wege Volkslieder „picken" (. . . e becchiamo per tuttala via di qualche rappresaglia e Canzone di Calen di maggio . . .) EinBeispiel reichlicher Verwendung von Sprichwörtern haben wir schon ge-sehen, und wir bedauern es lebhaft, daß es hier nicht angängig ist, auchnur auszugsweise darzulegen, was Polizian diesem An-dem-Volksmunde-Hangen verdankt. In der Giostra benützt er das alte Märchenmotiv vonder Hinde, die den Jäger von seinen Gesellen weg in die tiefste Wald-einsamkeit lockt, um ihn in die Arme der künftigen Beherrscherin seinesHerzens zu führen, und in der Vorlesung, die das Studium von Aristoteleseinleitet, bringt er es fertig, von den Weiblein Fiesoles zu erzählen, dieüberzeugt sind, daß in den Büschen um ein Brünnlein in der Nähe seinerVilla weibliche Ungeheuer hausen und, wenn sie nicht Kinder fressen,spinnen und singen; denn „auch sogenannte Altweibermärchen sind manch-mal nicht nur Anfang, sondern auch Rüstzeug der Philosophie". Manglaubt, einen modernen Folkloristen zu hören, und daß er von einemsolchen viel in sich hatte, beweisen auch die Märchen, die er in seinemTagebuche aufgezeichnet hat, freilich nur, wie in einem Motivregister,
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