Druckschrift 
Angelo Polizianos Tagebuch (1477 - 1479) : mit vierhundert Schwänken und Schnurren aus den Tagen Lorenzos des Großmächtigen und seiner Vorfahren
Entstehung
Seite
XIX
Einzelbild herunterladen
 

werden müßte, mit dem Ende seines Aufenthaltes bei der Familie seinesGönners und Freundes abgeschlossen hat. Die letzten Seiten unterscheidensich sowieso schon in ihrer Mehrheit erheblich von den vordem: ganzeBlätter sind nichts als Auszüge aus entliehenen Büchern, wie man siewohl macht, wenn man jung ist und Langeweile hat, und Kurzweil hatwohl Polizian nur wenig gehabt in jenen Tagen, wo sich die AbneigungMadonna Claricens gegen ihn so gesteigert hatte, daß er sicherlich keinenAnlaß fand, ihre und damit der andern Hausgenossen Gesellschaft zu suchen.In Fiesole, wo er dann in der mediceischen Villa hauste, sah er zwar Lorenzohin und wieder, aber der alte ständige Verkehr, der vertraute Umgangvon einst war es sicherlich nicht mehr, und auch später, als er nach derRückkehr der Kinder vom Lande wieder Aufnahme in Lorenzos Palast inFlorenz gefunden hatte, ohne aber neuerlich mit der Erziehung Pierinosbetraut zu werden, wird es nicht viel besser geworden sein. Dann folgtLorenzos wagehalsige Reise nach Neapel, auf die er Polizian trotz odervielleicht wegen seines Drängens nicht mitnimmt, und der schwer ge-kränkte Freund verläßt, ohne seine Rückkehr abzuwarten, ebenfalls Florenz,um sich nach Venedig und später nach Verona, Padua und Mantua zubegeben. Über diese Flucht ist wieder Lorenzo erbost, der darin einenTreubruch sieht, und der Bruch zwischen den zwei der Stellung nach soungleichen, in der Weltauffassung aber so ähnlichen Freunden scheintendgültig. Nach Monaten gelingt zwar eine Aussöhnung: im August 1480kehrt Polizian zurück, übernimmt auch wieder den Unterricht Pierinos,wohnt aber nicht mehr in dem Hause Lorenzos, sondern in der Prioreivon San Paolo, die er, dank Lorenzos Bemühungen, seit Oktober 1477 alsPfründe hat, und im November betritt er zum ersten Male den ihm ver-liehenen Lehrstuhl der Poetica an dem Studio von Florenz. Von Zeit zuZeit kommt er auch jetzt noch, damit Pierinos Studien nicht allzu sehr leiden,hinaus auf die mediceischen Villen in Fiesole hat er bald selber einLandhaus in der Nähe des seinem wiedergewonnenen Freunde gehörigen,besonders oft nach Cafaggiuolo. Wer also durchaus will, mag die Geschichtevon dem bischöflichen Hengste in diese Zeiten verlegen; wir tun dies nicht,sondern halten uns an die wahrlich nicht geringe Wahrscheinlichkeit, daßmit der großen Zäsur in Polizians Leben, die ihn aus dem geliebten Florenzund aus der Nähe des geliebten Gönners in die Fremde trieb, wo erdankbar sein mußte, als ihn der Kardinal Gonzaga zu seinem Kaplan er-nannte, die Jugendarbeit seiner im Sommer oder im Frühjahr 1477 be-gonnenen Fazetien abgeschlossen worden ist.

XIX