Druckschrift 
Märchen des Mittelalters
Entstehung
Seite
248
Einzelbild herunterladen
 

in Menfdien eine entfdieidende Rolle fpielt, wodurch fich bereits die zunehmende Erkenntnis derUnterfchiede zwifdien Menfdi und Tier ausdrückt <179>/ die dritte Stufe, die Tierwerdungdes Menfdien, kommt hier nicht in Betracht. Nun ift es kfar, daß die Einführung des Ver»Wandlungsmotivs nur Eine Form ift, fich mit Überlieferungen vergangener Zeiten, die voneiner Ehe zwifchen Menfdi und Tier fprechen, auseinanderzufetzen/ eine andere Form wählenjene Mythen, deren Helden — ihre Nachkommen lind ja noch vorhanden — von einem Tierenur gefäugt find. Daneben gibt es aber auch noch, wie unfer Fall zeigt, die glatte Mißbilligung:fchon der in dem Mythos oder dem Märchen Handelnde hat das Bewußtfein, daß er unrechttut oder getan hat. So bietet denn unfer Märchen ein Schema, das gewilfermaßen den großenGeftalten der Totem-Zeit zeigt, wie fie es hätten madien follen, um vor der Nachwelt beliehenzu können. Aber auch die Fähigkeit, fich in einen Menfchen zu verwandeln, die man demTiere zufchreibt, dient nicht immer nur dem Zwecke, von den Nachkommen einen Makel zunehmen und die Ehe zu erklären und zu legalifieren, fondern auch der Abficht, fie überflüffig zumachen, fie auszufchalten. Wieder ift es ein fogenanntes literarifches Märchen, das, ebenfowie das unferige, als Grundmotiv den Widerwillen gegen die Verbindung mit dem Tier auf-zeigt: Wolfdietrich erliegt zwar dem ihn um feine Minne angehenden rauhen Weibe, dasnicht anders als ein Bär auf allen Vieren gekrodien kommt, aber gegen feinen Willen undnur durch einen Zauber, der ihn zum Tiere herabdrückt, und die Verbindung kommt richtigerß zultande, als aus der rauhen Eis die fchöne Sigeminne geworden ift <Jänidce, Deut/SesHerdenßu<£, 1866f„ III, 213f.>.

In unferm Märchen kommt diefer Widerwille des menfehlichen Gatten durch die Fluchtzum Ausdruck. Ahnlich gefchieht dies in einem Dschataka <Dutoit, III, 554f., Lüders, 53f.>,wo freilich die Tiernatur der nach Menfchenliebe verlangenden Unholdin ebenfo wie im Woff-dietrieß nur angedeutet ilt.

Eine Jakschini, die einen Pferdekopf hat, verliebt fich in einen Brahmanen und hält ihnin ihrer Höhle eingefperrt, indem fie, wenn lie (ich entfernt, einen Stein vor die Öffnungfchiebt. Nach zehn Monaten gebiert fie ihm einen Sohn, und als diefer herangewachfen ift,fperrt fie ihn zu dem Vater. Beide entfliehen fchließlich, und fie fetzt ihnen nach. Als fiemit ihren Bitten weder den Gatten, noch den Sohn zu rühren vermag, befchenkt fie diefen,um ihm durch die Welt zu helfen, mit einem Zauberfprudv dann bricht ihr das Herz.

Diefer Teil des Dschatakas hat eine enge Parallele in einer Erzählung des tibetanifchen

Kandfdur (Sdiiefner-Ralfton, 228f.):

Ein junger Brahmane wird von einer Kinnari <hier natürlich audi eine Unholdin) ineine Höhle entführt/ fooft fie weggeht <hier muß es wohl »she« ftatt »he« heißen), legtfie vor den Eingang einen Steinblock, den er nicht wegwälzen kann. Sie gebiert ihm einenSohn, und diefer übt fi<h durch tägliches Heben immer größerer Laften, bis er den Blockbewältigen kann. Beide entfliehen und gelangen glüdclidi nach Benares. Die Kinnari fdiicktihrem Sohne eine Wunderlaute nadi.

Näher ftcht unferm Märchen ein fyrifches <Prym-Socin, Der neu-aramaeifdie Dialekt

des für'ABdin, II, 261 f.):

Eine Bärin macht einen Stummen zu ihrem Gatten/ entfernt lie fich, fo legt fie ihm eineKette um den Hals. Acht Jahre bleibt er bei ihr, und fie fchenkt ihm — wie in unfermMärchen — zwei Söhne und eine Tochter. Endlich löfen ihn die Knaben von der Kette,und er entflieht mit ihnen, während — wie in unferm Märchen — die Tochter zurückbleibt').

*> Eine weitere Ehe mit einer Bärin, der aber nur eine Toriiicr entfpringt und wo keine befördernMaßnahmen nöiig (lud, um die Flucht zu bewerkftclligen, findet fich ebendorr, 267 f. Hier ift dann auf einmalaus der Bärin eine Affenmutter geworden. Auch die junge Äffin nimmt fidi einen menfchlidien Oatten/ er wirdihr aber von einer Affenprinzeffin abfpenftig gemacht. In diefer neuen Ehe lebt er zehn Jahre, und fddießlichkehrt er, mit der Äffin und mit dem Sohne, den fie Ihm geboren bat, In die Welt zurück. Nur der Komikhalber wird diefe Ewangsehe mit einer Äffin in einer perfifdicn Erzählung gefchildert, die damit das Märdicn

248