fie hätten fie geholt, die Hände, fie hätten fie genommen, die Augen, fie hätten den Weggewiefen, das Herz, ihm fei der Rat zu danken/ die Zunge aber äußert, fie fei das Haupt»glied, und bedroht die andern, wenn fie das nicht anerkennten. Vom Schlafe erwacht, ziehtder Arzt weiter / er tritt vor den König, und da ftammelt die Zunge: »Hier ift die Hunde»milch.« Als darauf der Arzt zur Hinrichtung abgeführt wird, bekennen (ich die andernGlieder als befiegt, die Zunge bittet den Henker: »Bring mich noch einmal zum König«,und nun fagt der Arzt: »Auch die Löwin nennen wir eine Hündin.«
Bin Gorion und Königsberger (teilen die Gefthichte mit der bekannten Fabel des MeneniusAgrippa zufammen, von der es unzählige Varianten gibt/ bin Gorion meint überdies, die»indifdie Urquelle« in einigen Verfen einer Upanisad gefunden zu haben, die er auch, inP. Deußens Überfetzung, abdruckt. Hier handelt es (ich aber nur um einen Rangftreit derOrgane, aus dem fchließlich der Odem als Sieger hervorgeht/ die Parabel enthält alfo nureines der Elemente der jüdilchen Gefchichte, und nidit einmal das wichtigfte: als diefes müfTenwir doch den Gewaltftreich der Zunge erkennen, weshalb denn auch die jüdifche Gefchichtemit dem Zitat aus dem Buch der Sprüche fchließt: »Tod und Leben fteht in der Zunge Gewalt.«Was aber in der Parabel der Upanisad fehlt, findet (ich wieder in einer Erzählung desBuches King fü ji siang, einem im Jahre 515 verfaßten Auszug aus verfchiedenen heiligenSchriften der Buddhilten,- fie fteht bei Chavannes, 5oo contes, III, 207f., Nr. 439. An einerandern Stelle (ActesduXW' congr. intern, des orientaf., I,5^nie fection,99) fagtChavannes,fie habe früher ein einzelnes Satra gebildet, das noch im dritten Jahrhundert von dem Indo-fkythen Kien ins Chinefifche übertragen worden fei. Im Wefcntlichen erzählt diefes Sotra:
Einem Könige Wei-leu wird zu feiner Heilung Löwenmilch verordnet/ er verfprichtdem, der ihm eine folche beldiaffen werde, die Hälfte feines Reiches. Ein Armer unter-zieht fidi der Aufgabe/ außer einem gelchlachteten Hammel nimmt er für die Löwin nochmehrere Dutzend Gefäße mit Wein mit. Die Löwin wird beraufdit, und er nimmt ihrMilch. Während feiner Rückkehr hat der Mann — nun ift er auf einmal ein Mönch —einen Traum, in dem feine Organe um den Rang ftreiten: nacheinander treten die Geifterder Hände, der Füße, der Augen, der Ohren auf, fchließlich der der Zunge, und diefererklärt den andern kurz und bündig: »Euer Leben hängt von mir ab.« Am nächften Morgentritt er vor den König und fagt: »Hier ift die Löwenmilch.« Kaum aber hat der Königgetrunken, fo fagt die Zunge: »Die Milch ift von keiner Löwin, fondern von einer Efelin.«Der König will den Mönch hinrichten laffeii/ da erzählt ihm diefer, ohne daß die Zungewiderfpredien würde, die Gefchichte von feinem Traume. Der König glaubt ihm, gibt ihmfeine Tochter zur Gattin, ufw., ufw.
Man erkennt leicht, daß zwifchen der buddhiftifchen und der jüdilchen Gefchichte keinnennenswerter Unterfdiied befteht/ die Tatfachc, daß es fich hier wie dort um das Heilmittelder Löwenmilch, um den Traum von dem Rangftreit der Organe, um die Bosheit der Zungeund ihre fchließliche Selbftbefinnung 1 ) handelt, genügt, um die Identität zu beweifen. DieFabel, wie fie Livius erzählt, ift wohl ägyptifchen Urfprungs <Maspero in den Etudes e'gyp-tiennes, I, 260/ f. Chauvin III, 34f.)/ daß fie in den entfprechenden Stücken der Upanisaden,die den Sieg dem Prana, dem Lebensodem zubilligen, der eins ift mit dem Atman, mit demerkennenden Selbft, der Seele < Winternitz, 1,218 f. / Hillebrandt, AusBraßmanas und Upani-saden, 1921,141 f.), benützt worden wäre, daran ift angefichts der brahmanifchen Spekulations-weife nicht zu denken. Diefe uns künftlich erfcheinende Trennung der Tätigkeiten und derVerantwortung hat ihr Gegenftück in einer wieder von Chavannes <I, 416f. Nr. 145) ver-öffentlichten Gefchichte des Kieu tsapij'ii Ring, die eine fo ftrenge Scheidung zwifchen Körperund Seele zieht, daß (ich die Seele bei dem von ihr verfallenen, toten Körper bedankt, daß
1 > Ein andres Bcifpiel für das felbftherrlidie Vorgehen der Zunge findet fich bei Somadeva, 1,273: Derindifdie Vorläufer unfers Doktor Allwiffend fditlt feine Zunge ob ihrer Eigenmäditigkeit, fein Willen gerühmt zuhaben.
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