Druckschrift 
Märchen des Mittelalters
Entstehung
Seite
208
Einzelbild herunterladen
 

in den Tempel zu ftiften. Als Pandaros am Morgen aufftand, nahm er die Binde ab, undflehe, die Brandmale waren von der Stirn auf die Binde übergegangen. Er lüftete dieBinde in den Tempel und reifte ab. Von Athen aus fandte er nach Epidauros feinenSklaven Echedoros mit einem Geldbetrage, den diefer als Dankopfer in den Tempel bringenfollte. Nun hatte auch Echedoros Brandmale an der Stirn/ daher legte er fleh, ohne imübrigen das Geld abzugeben, ebenfalls in das Heiligtum in der Hoffnung, fie ebenfo wiefein Herr loszuwerden. Auch ihm erfchien der Gott im Traume, fragte ihn aber, ob nichtPandaros durch ihn Geld fchicke. Der Sklave leugnete, verfprach jedoch dem Gotte, erwerde, wenn er ihn heile, fein Bild machen lafTen und es ihm widmen. Der Gott hieß ihn,die vordem von Pandaros gebrauchte Binde zu nehmen und fie fich um die Stirn zu wickeln/wenn er dann das Heiligtum verfalle, folle er fie abnehmen, fich das Geficht in dem Quellwafchen und fich dann im Waffer betrachten. Dies getan, fah Echedoros, daß fich nun-mehr zu feinen Brandmalen auch die feines geheilten Herrn gefeilt hatten.

Dem altgriechifchen fchlechten Kerl Echedoros ergeht es alfo genau fo wie dem bösartigenBuckligen, der zu dem eignen Höcker noch den feines Gefellen bekommt, es geht ihm aberauch ähnlich wie dem fchlechten der beiden Gefährten in unferm Märchen, der dem gutennachahmen will/ es geht ihm ähnlich wie der Pechmarie, die es der Goldmarie gleichtun will,und wie der böfen Brahmanenfrau in einem uralten indifchen Märchen, die fich, durch dasBeifpiel ihrer Schwiegermutter verleitet, ins Feuer Itürzt (Chavannes, III, 141 f., Nr. 422,Dutoit, III, 566f. im 432. Dschätaka, Katfiäratnäfiara, II, 127f., Nr. 160 ufw.>, und er hatfein Gegenftück noch in vielen andern Märchen <Bolte-PoIivka, III, 329). Auch die Epifodevon der verunglückten Nachahmung enthält alfo wohl eines jener Motive, deren Entftehungan keine Zeit und an keinen Ort gebunden ift/ es mag überall und zu jeder Zeit urfprüng»lieh entftanden fein und entliehen, genau fo wie das Motiv der Belaufchung. Die befondereFormel aber, die in unferm Märchen auftritt, die novellenartige Verbindung nämlich mitder Belaufchung von mit höherm Wiffen begabten Wefen, die zudem die Macht haben, zuftrafen, ja zu vernichten, kann nur einmal entftanden fein. Daß diefe Verbindung auch immodernen Indien vorkommt, darf nicht darüber täufchen, daß ihre Heimat Indien nicht ift.

Unfer Märchen mag alfo etwa folgendermaßen entftanden fein: eine urfprünglich wohlindifcheMotivbildung — guter und fchlechter Bruder, Blendung des guten durch den fchlechten,Wiederherftellung des guten durch die Gerechtigkeit des Schickfals — hat bei ihrer Wanderungaus der Literatur in die Literatur einerfeits den Einzelzug, daß die Träger der HandlungBrüder find, verloren, andererfeits die in Indien fremde Verbindung zweier Motive —Belaufchung und mißglückte Nachahmung — aufgenommen. Der, der diefe Verquickung zuerftdurchgeführt hat, mag, mit Rückficht auf den hebräifchen Apolog von dem Juden und demHeiden ein Jude gewefen fein, der das übrige etwa durch eine perfifeh-arabifche Vermittlung— leider ift noch kein Zwifehenglied entdeckt, das diefe Anficht erheblich ftützen würde —kennengelernt hat.

Schließlich noch ohne Rückficht auf die Gruppenangehörigkeit einige Ergänzungen zuChriftianfens Materialfammlung: E. Tegethoff, II, 222f. <= Chriftianfen, RF. 6>, V. Tille,Verz. der ßößm. M., 314-347, v. Löwis, Tinn. VoKsm., 59f„ Nr. 16 (= Chrift. FF. 76),Lambertz, Afß. M., 141 f., P. Kretfchmer, NeugrieSifSeMärSen, 313f. <= Chrift. Gre. 1>,Lorimer, 160f., Frobenius, Attantis, II, 20f., III, 325 f., IV, 129f. VI, 166f„ C. Meinhof,Afrikanifdje Märcßen, 1921, 190f. (= Chrift. Kam.).

15. Sühnende Buße. Nach einem Märlein der Compifatio singufarh exempforum,abgedruckt bei Hilka, Compifatio, 15.

208