64.DIE SIEBEN SCHWÄNE.
EIN JÜNGLING, EIN GROSSER IN DEM SINNE, WIE WIRgemeiniglich Leute von adeligem Geblüt und mit Reichtum Große nennen,ftieß einmal, als er mit feinen Hunden im Walde jagte, auf eine Hinde mit zehn«endigem Geweih, die weißer war als Schnee. Auf flüchtigem Roß fetzte er ihrim Waldesdunkel nach und kam fo immer tiefer in den Wald hinein, bis er end«lieh in einer tiefen, dicht bewachfenen Schlucht abftieg. Nicht nur die Hinde,fondern auch die Hunde hatte er verloren, und wie er fo, hin und wieder insHörn ftoßend, um die Hunde zurückzurufen, umherftreifte, kam er zu einemQuell, und darin faß, eine goldene Kette in der Hand, eine Nixe, die die nacktenGlieder badete. Ihre Schönheit nahm ihn fofort in Liebe gefangen/ er lief hin,nahm ihr unverfehens die Kette, in der ihre geheime Kraft lag, und hob fie,nacht wie fie war, auf feinen Armen aus dem Quell. Und ohne noch weiter andie Hinde und feine Hunde zu denken, vermählte er fich mit ihr und begingdie Hochzeit noch in derfelbigen Nacht unter freiem Himmel bei dem Quell.In der Stille der Mitternacht aber betrachtete die Nixe, die fchon des Namenseiner Jungfrau beraubt war, den Lauf der Sterne, und da erkannte fie, daß fiefechs Söhne und eine Tochter empfangen hatte/ und zitternd und ängftlich tatfie das dem Gatten kund, und er erquickte fie mit Umarmungen und tröftlichemZufpruch. Und als es tagte, führte er fie als feine Gemahlin in fein Schloß.
Seiner Mutter war es gar nicht lieb, als fie die Nixe fah und als fie erfuhr,daß fie der Sohn zur Gattin genommen hatte/ fie wußte, daß ihr die Schnuran Macht und Ehren werde vorangefetzt werden, und fo quälte fie der Neid,und fie fann eifrig, wie fie es anftellen könnte, um den Sohn feiner Liebeabfpenftig zu machen und Zwietracht zwifchen fie zu fäen. Da fie aber darinohnmächtig war, indem der Sohn nicht nur nicht auf ihre Worte hörte, fondernfich fogar gegen fie fchwer erbolte, änderte fie ihren Plan und erdachte fich einunheimliches Verbrechen, entfetzlich nur es zu hören, und begrub es bis zurgeeigneten Zeit in der Heimlichkeit ihres Herzens. Und um es ficherer undbelfer ausführen zu können, verhehlte fie die tödliche Feindfchaft, verbarg denGroll ihres innerften Gemüts, zeigte der Schnur ein freundliches Geficht, ehrtefie als Herrin und hegte und unterwies fie als Tochter.
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