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Märchen des Mittelalters
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55.SEELENVERKAUF.

IN FRANKREICH, WO DAS VOLK MEHR ALS ANDERSWOVöllerei treibt und rafdier als anderswo mit Sdiwüren und Flüchen bei derHand ift, hat fich Folgendes ereignet:

Etliche Leute, ehrbar in dem Sinne der Welt, faßen im Wirtshaus undtranken, und als ihnen der Wein warm gemacht hatte, begannen fie von aller-hand Dingen zu reden, und fo kam die Sprache auch auf die Frage, was nachdiefem Leben fein werde. Da fagte einer: »Gar eitel täufchen uns diefe Pfaffen,die behaupten, daß die Seelen nach diefem Leben ohne Leiber weiterlebten.«Und es erhob fich ein allgemeines Gelächter. Unterdelfen kam ein großer, ftarkerMann zur Tür herein, und er fetzte fich zu der Gefellfchaft, forderte Wein,trank und fragte fie, wovon unter ihnen die Rede fei. »Von den Seelen«, fagteder, der zuletzt gefprochen harte,- und er fuhr fort: »Wäre da einer, der diemeinige kaufen wollte, ich ließe fie ihm wohlfeil, und das Geld gäbe ich allenins Gelag zum Vertrinken.« Und wieder lachten fie alle/ der Ankömmling aberfagte: »Einen, der folche Ware verkauft, fuche ich, und ich bin bereit, fie zukaufen,- fag, um wieviel gibft du fie mir?« Und der andere heitern Gefichts:»Um foundfoviel.« Und alsbald wurden fie einig, und der Käufer zahlte fofortden Preis, und in heller Luft tranken fie alle miteinander aus vollen Kannen,und der, der die Seele verkauft hatte, war einer der fröhlichften.

Als es aber Abend geworden war, fagte der Käufer: »Nun ifts an derZeit, daß wir jeder nach Haufe gehen,- bevor wir jedoch fcheiden, fo gebt erfteinen Spruch ab. Wenn einer ein Pferd kauft und das ift an die Halfter gebunden,ift da nicht auch die Halfter fein?« Und alle Tagten Ja, und während der Ver-käufer vor Schrecken über die Frage und die Antwort zitterte, packte ihn derKäufer mit Leib und Seele und fuhr mit ihm vor aller Augen in die Lüfte.Und er hat ihn ficherlich in die Hölle gefchleppt,- denn er war der Teufel in

menfchlicher Geftalt.

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