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Märchen des Mittelalters
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und fonderlich ob des großen Stolzes und des großen Hochmuts, die ich hegte.«Und mit großer Kümmernis und unter vielen Tränen erzählte er alles, was ergetan hatte, die Änderung jenes Verfes ebenfo wie feine andern Sünden. Undda der Engel, den Gott gefchickt hatte, auf daß er die Geftalt des Königsannehme und an feiner Statt herrfdie, vernahm, daß er mehr betrübt war überdie Fehler, in die er verfallen war, als über den Verluft des Reiches und derEhren, fagte er auf Geheiß Gottes zu ihm: »Freund, ich fage Euch, Ihr habtin allem die Wahrheit gefprochen, und Ihr feid König diefes Landes gewefen,und aus eben den Gründen, die Ihr genannt habt, hat Gott Euch abgefetztund mich, der ich fein Engel bin, gefchickt, auf daß ich Euere Geftalt annähmeund an Euerer Statt herrfchte. Und weil Gottes Güte fo vollkommen ift undvon dem Sünder nichts fonft verlangt als wahrhafte Reue, fo heifcht diefes Über-maß von Gnade zwei Dinge, damit die Reue in der Tat wahrhaft fei: einmal,daß fie darauf abziele, nicht mehr in diefe Sünde zu verfallen, und dann, daßfie rückhaltslos fei. Und ich bitte Euch und rate Euch, Euch unter allen Sündenvor der des Stolzes zu hüten/ denn wiffet, daß unter den Sünden, in die derMenfch ob feiner Anlagen verfällt, der Stolz die ift, die Gott am meiften ver-abfcheut, weil fie fich in Wahrheit gegen ihn und feine Macht kehrt und dieSeele am leichteften ins Verderben führt. Und für gewiß fage ich Euch: nie iftnoch diefe Sünde in einem Lande oder einem Gefchlechte oder einem Reicheoder einem Menfchen gewefen, ohne daß ihr der Untergang oder die Vernichtunggefolgt wäre.«

Als der König, der als Narr galt, den Engel, der als König galt, alfofprechen hörte, warf er fich weinend vor ihm nieder/ und überzeugt von derWahrheit feiner Worte, verehrte er ihn aus Ehrfurcht vor Gott, deffen Bote erwar, und bat ihn, nicht eher zu fcheiden, als bis er alle feine Untertanen ver»fammelt habe, um ihnen das große Wunder zu erzählen, das Gott getan hatte.Und der Engel willigte ein, und als alle verfammelt waren, erzählte der Königden ganzen Hergang, und nach Gottes Willen war der Engel allen gegenwärtigund bekräftigte die Erzählung des Königs. Und der König tat Buße vor demHerrn nach feinen Kräften, und unter anderm befahl er, daß zur Erinnerungjener Vers, den er geändert hatte, im ganzen Reiche mit goldenen Buchftabenfür immeraufgefchrieben werde, und heute noch foll dies dort fo gehalten werden.Und dies vollbracht, ließ der Engel den König mit feinen Untertanen in ihrerFreude und ihrem Glück und kehrte zu unferm Herrn zurück, der ihn herab-gefchickt hatte. Und von nun an war der König gar eifrig in dem Dienfte desHerrn und ftets bedacht auf das Wohl feines Volkes, und fo gewann er Ruhmin dieler Welt und die Glorie des Paradiefes.

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