50.DER ZORN GOTTES.
ES WAR EINMAL EIN REICHER MANN, UND DER HATTEfchier alles, was er begehrte, Güter und Häufer in der Stadt und auf demLande und fchöne Kinder und eine edle Gattin, fodaß er ein richtiges Wohllebenführte/ und die Leute, die fahen, wie gut es ihm ging, fagten: »Ihm fehlt nichtsals der Zorn Gottes.« Und da er dies des öftern hörte, kam ihm der Wunfeh,zu erfahren, was denn diefer Zorn Gottes fei, und ihn zu fuchen/ und erverlangte nichts andres mehr.
Eines Tages wurde diefer Wunfdi in ihm fo ftark, daß er vermeinte, erkönne auf niemands Rat mehr warten oder erft irgend jemand fragen,und er holtevon feinem Gelde, was er zu brauchen glaubte, und nahm einen Knecht mit, demer gar fehr vertraute, und machte fich auf den Weg in der Abficht, fo langezu fuchen, bis er diefen Zorn Gottes finden werde, von dem er fo viel hattehören muffen.
Und als er mit dem Knechte bei arger Hitze durch einen großen Wald ritt,ftießen fie auf zwei Schlangen, die in mächtiger Wut miteinander kämpften/ dahielten fie an, um ihnen zuzufchauen. Und die Schlangen biffen einander,was fie nur konnten, und der Kampf wurde immer wilder, und da gefchah es,daß die eine mit ihren Zähnen der andern den Kopf abriß. Und als fie das getanhatte, war es gerade fo, als dächte fie, das fei nicht wohlgetan gewefen, undauf der Stelle verfchwand fie im Bufche, und bald kam fie wieder, und da hattefie ein Kraut im Munde, und das legte fie um den Rumpf ihrer totenGegnerin, und dann nahm fie deren Haupt mit dem Munde und fetzte esforgfam inmitten des Krautes an dem Rumpf,- und es dauerte nicht lange, fowar der Kopf wieder an den Rumpf gewachfen, und die Schlange war wiederlebendig. Und in der fchönften Eintracht, als wären fie zwei Schäflein gewefen,machten fich die beiden Schlangen davon. Das Kraut, das die eine geheilt hatte,blieb liegen.
All das hatte der Edelmann ebenfo wie der Knecht beobachtet,- und als dieSchlangen weg waren, fagteer zu dem Knechte: »Wahrhaftig,was wir da gefehenhaben, das war der Zorn Gottes, den wir fuchen.« Er hob das Kraut auf undging damit umher, bis er deffen ein große Menge gefunden hatte, und dann
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