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Märchen des Mittelalters
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46.DIE VERLEUMDETE JUNGFRAU.

DER GRAF VON NEVERS HATTE BEI SEINEM TODEzwei Kinder hinterlaffen, einen Sohn und eine Tochter, und der Sohnfpradi, obwohl er fdion zwanzig Jahre alt war, nie davon, daß er heiratenwolle/ daroh redeten die Zungen böswilliger Lügner, er fchlafe bei feinerSchwefter. Er erfuhr nichts von diefem Gerede, aber dem Fräulein kam es zuOhren, und in arger Kümmernis lief fie zu der heiligen Jungfrau, um weinendzu beten/ dann aber fpradi fie insgeheim mit ihrem Bruder und fagte zu ihm:»Unfer Vater war ein wad<erer, frommer Ritter an den Höfen des Königsund des Kaifers, und er verftand das Waffenhandwerk und kannte alle Baronedes ganzen Reiches/ Ihr aber habt nichts im Sinne als Tand wie Vogelbeizeund Jagd. Mein Rat wäre, Ihr ginget zum Kaifer und bötet ihm Euere Dienftean. Ich aber will mich auf eines Euerer Schlöffer begeben und mich dort bis zuEuerer Rückkehr mit meinen Mädchen einfchließen, fo daß weder ich heraus«gehe, noch ein Mann zu mir hereinkommt, und das will ich Euch fchwören.«Der Jüngling antwortete: »Mit allem, was Ihr fagt, bin ich einverftanden, nurnicht mit Euerer Einfchließung.« Sie ftritten darüber noch lange, aber zu guterLetzt befolgte Wilhelm den Rat feiner Schwefter/ er zog mit großem Geleiteaus, und in Rom nahm ihn der Kaifer mit Freuden auf, und den Augen desKaifers war er bald lieber als jeder andere Jüngling.

Die Zeit verging, und Wilhelm vernahm, ein Turnier werde ftattfinden, zudem fich alle Edeln jenes Landes verfammeln würden. Er erlangte es, daß ermit einem Großen des Hofes hinreiten durfte, und dem diente er, gewappnetwie andere Knappen, fo trefflich im Streite, daß diefer den Sieg über allegewann/ und der Große fdirieb den ganzen Sieg der Trefflichkeit Wilhelms zu,und nach feiner Rückkehr riet er dem Kaifer, den Jüngling, auf daß er keinenSchaden nehme, zu keinem Turnier mehr ziehen zu laffen, bevor er Ritter fei.Und der Kaifer tat nach dielen Worten und fchlug ihn zum Ritter, und alsfolcher errang er fich bei einem Turnier das Lob jeglicher Kühnheit und Frei«gebigkeit und Schönheit. Das bewog den Kaifer, feinen Rat zufammen«zuberufen/ und er begann mit dem Lobe Wilhelms, und dann fagte er: »Wennihr mir es ratet, lo will ich feine Schwefter zur Gemahlin nehmen.« Da fprach

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