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Märchen des Mittelalters
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gedenke ich nicht, dir nochmals mein Geheimnis zu eröffnen.« Und fie: »Herr,höre mich. Das, was mir mit dem Ringe gefchehen ift, könnte auch einem Klügerngefchehen, weil gegen Diebe Klugheit nichts hilft. Wüßte ich aber jetzt dieHeimlichkeit deines Herzens, fo würde ich anders handeln.« Und er: »Wenndem fo ift, fo will ich dir die Wahrheit fagen. Diefe Spange habe ich von meinemVater. Wer fie an der Bruft trägt, dem erfüllt fie, was fein Herz erfreut. Ichtrage die Spange an der Bruft, und was ich nur denke, das fteht mir zu Gebote.« »Herr,« fagte fie nun, »was für einen Sinn hat es denn da, fie tagtäglichvon morgens früh bis fpät am Abend zu tragen? Du könnteft dir doch in einerStunde fo viel erfinnen, daß es für ein Jahr langt. Darum gib mir die Spangezu bewahren. Beliebt es dir, fo bekommft du fie, wann immer dir etwas einfällt,das du wünfchen würdeft.« Er antwortete: »Ich fürchte, du wirft fie verlieren,wie du den Ring verloren haft, und dann wäre ich für immer zufchandengeworden.« Sie aber fagte: »Herr, der Ring hat mir zur Witzigung gedient,und darum verfpreche ich dir in Treuen, ich werde dir die Spange fo bewahren,daß kein Menfch zu ihr kommt.« Und er glaubte ihrem Worte und gab ihr dieSpange. Als er dann alles verbraucht hatte, verlangte er die Spange zurück.Und das Mädchen fcbwor ihm, fie fei ihr geftohlen worden. Darob verfiel erin tiefen Kummer und fagte: »War ich nicht verrückt, daß ich ihr, nachdem ichfchon den Ring verloren hatte, auch noch die Spange gab?«

Und wieder reifte er zu der Mutter und erzählte ihr alles. Über die Maßenbetrübt, fagte fie: »Ach, liebfter Sohn, warum haft du dem Weibe fo fehrvertraut? Nun hat fie dich zweimal betrogen, und bei jedermann giltlt du alsDummkopf. Werde doch endlich einmal klug; denn ich habe dir nichts mehr zugeben als den koftbaren Teppich, den dir dein Vater gegeben hat, und verlierftdu auch den, fo komm nicht mehr zu mir!« Und Jonathas nahm den Teppichund reifte wieder in jene Stadt. Und als fein Liebchen von feiner Ankunft hörte,freute fie fich fehr, und fie ging zu ihm und bot ihm einen frohen Willkomm.Und er breitete den Teppich aus und fagte: »Sieh, Liebfte, diefen koftbarenTeppich hat mir mein Vater fterbend vermacht/ fetze dich mit mir darauf.« Undals fie beide auf dem Teppich faßen, dachte er bei fich: »Wären wir nur weitweg, wohin kein Menfch kommt!« Und fchier in dem Augenblidce, wo er dasdachte, waren fie beide entrückt und gleichfam am Ende der Welt in einemWalde niedergefetzt, wohin kein menfchlicher Blick drang. Sie aber jammerte:»Herr, wo find wir?« Und er: »Am Ende der Welt, will ich hoffen. Erinneredich, wie du mir tückifch Ring und Spange entwendet haft. Und darum fchwöreich zu Gott im Himmel: ich lalle dich hier den Tieren zum Fräße, wenn du mirnicht Sicherheit gibft wegen meiner Kleinode.« Sie fagte: »Herr, erbarme dich

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