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Märchen des Mittelalters
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35.DIE ERFÜLLTE WAHRSAGUNG.

ESWAR EINMAL EIN RITTER UND HERR EINESSchloffes auf einer Infel, der hatte einen Sohn von fo fcharfen Sinnen,daß er die Vogelftimmen ebenfogut verftandwie die menfihliche Stimme. Undals fie eines Tages allefamt zu dem Schlöffe fuhren, begleiteten das Schiff vieleVögel, und die zwitfcherten, und da fagte der Ritter zu feinem Sohne und feinerGattin: »Was für eine wunderfame Gabe wäre es, diefe Vögel verftehen zukönnen!« Und der Sohn fagte: »Ich verftehe fehr wohl, was fie fagen.« Daraufder Vater: »Ich bitte dich von Herzen, erkläre es uns und tu es uns kund.«Und der Sohn antwortete: »Sie fagen, Ihr und meine Frau Mutter würdet infolche Armut verfallen, daß Ihr kein Brot zu eflen und kein Kleid anzuziehenhaben werdet, und ich würde fo hoch aufsteigen, daß Ihr mir das Walfer zumHändewafchen reichen werdet.« Über diefe Rede und Verkündigung erbofte fichder Ritter mächtig, und er warf feinen Sohn ins Meer. Der wurde dann vonfardinifchen Schiffern aufgefifdit und einem Ritter in Sizilien verkauft. Ob diefesVerbrechens aber, nämlich den Sohn ins Meer geworfen zu haben, wurde derVater von feinen Mannen aus dem Schlöffe vertrieben und famt feiner Gattinverbannt, und fie zogen auch nach Sizilien.

Den König von Sizilien begleiteten nun damals, wohin immer er ging, dreiRaben, und das währte fchon fünf Jahre, und fie ließen ihm keine Ruhe, wederbei Tag noch bei Nacht. Darum ließ der König ausrufen, wer ihm die Vor»bedeutung der Raben und den Grund ihrer Gefolgfchaft wahrheitsgetreu aus»lege, dem werde er feine Tochter famt feinem halben Reiche geben. Davon ver-nahm auch jener Jüngling, und er ging zu feinem Herrn, dem Ritter, und bat,ihn vor den König zu bringen, weil er wiffe, was für eine Bewandtnis es mitden Raben habe. Und hoch erfreut willigte der Ritter ein mit der inftändigenBitte, der Jüngling möge, wenn er das halbe Reich und folche Macht erlangthaben werde, feiner eingedenk fein. Und der Jüngling kam vor den König, undals ihm der jene Frage (teilte, verlangte er die Bekräftigung des Verfprechens,und nachdem ihm dies gewährt worden war, fagte er: »Es find zwei Rabenund eine Räbin, und von den zweien ift der eine alt und der andere jung,- undder alte Rabe, der noch immer feiner Lüfternheit frönt, hat die Räbin nach

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