Druckschrift 
Märchen des Mittelalters
Entstehung
Seite
68
Einzelbild herunterladen
 

alles hatte anfehen müflen, meinte, er fei verrückt oder von Sinnen, und fprachkein Wörtlein. Und wie er fo in jeden Winkel blickte, Iah er einen Hengft,den er im Haufe hatte, und der war fein einziges Pferd, und auch zu ihm fagteer heftig, er folle Waffer bringen. Und da der das nicht tat, fagte er: »Was,gnädiger Herr Hengft, du glaubft vielleicht, ich würde, weil ich kein andresPferd habe, deiner fchonen, wenn du nicht tuft, was ich dich heiße,- aber hütedich wohl: wenn du unfeligerweife nicht tuft, was ich dich heiße, fo follft du,das fchwöre ich dir bei Gott, eines ebenfo elenden Todes fterben wie die andern.Und auf der Welt gibt's nichts Lebendes, mit dem ich nicht, wenn es nicht täte,was ich ihm befehle, ebenfo verführe.« Und das Pferd blieb ruhig ftehen.Und da er sah, daß es ihm nicht gehorchte, fprang er hin und fchlug ihm mitdem wilderten Grimm, den er dartun konnte, den Kopf ab und hieb es inStücke. Und die Frau, die folchermaßen Zeugin war, wie er das Pferd, obwohles fein einziges war, tötete und wie er fagte, ebenfo werde er jedem tun, derfeine Gebote nicht befolge, war überzeugt, daß das nicht zum Spaße gefchehe,und fie geriet in fo große Angft, daß fie nicht mehr wußte, ob fie tot fei oderlebendig.

Alfo zornig und grimmig und blutig kam er zum Tifche zurück, und erfchwur, wenn er taufend Pferde und Männer und Weiber hätte, und fie wür«den von feinen Geboten abweichen, fo brächte er fie alle um. Und dann fetzteer fich und blickte wieder nach allen Seiten, und das blutige Schwert hatte erüber die Knie gelegt. Und wie er fo jetzt dorthin, jetzt dahin blickte undnichts Lebendes mehr fah, wandte er feinen Blick gar grimmig auf feine Frauund fagte, das Sdiwert in der Fault, in größtem Zorne: »Steh auf und gib mirWafTer für die Hände.« Und die Frau, die nichts andres erwartete, als daßer auch fie in Stücke hauen werde, fprang auf und holte ihm das Waffer. Under fagte zu ihr: »Ha, wie fehr danke ich Gott, daß du getan halt, was ich dichhieß,- in der Wut, in die mich diefe Narren gebracht haben, hätte ich dir ebenfogetan wie ihnen.« Dann befahl er ihr, ihm zu effen zu geben, und fie tat es.Und fooft er ihr etwas fagte, immer fagte er es fo heftig und in einem folchenTone, daß fie allwege glaubte, der Kopf breche ihr zu Scherben. Und fo gingder Flandel zwifchen ihnen in diefer Nacht, daß fie kein Wörtlein redete,fondern tat, was er ihr befahl. Und fchließlich gingen fie fchlafen. Und nach einerWeile fagte er: »Bei der Wut, die idi heute nacht habe, kann ich nidit richtigfchlafen,- fieh zu, daß mich in der Frühe niemand weckt, und halte mir einordentliches Frühftück bereit.«

Und kaum war es Tag geworden, fo kamen die Väter und die Mütterund die Anverwandten an die Tür, und da fie niemand fprechen hörten, fo

68