19.
DER VERBUNDENE FINGER.
ES WAR EINMAL EINE GRÄFIN, DEREN GATTE MUSSTEverreifen und befahl fie einem feiner Mannen,- der aber begann um ihreGunft zu werben, und als fie fich weigerte, entzog er ihr Speifen und Kleiderund alle Notdurft. Und fie bekam Angft vor Mißdeutungen und daß die Weltglauben könne, der Vogt tue ihr dies an, weil fie fich etwas habe zusduildenkommen laffen,- und um foldie Auslegungen zu vermeiden, fagte fie ihm, fiefei bereit, ihm zu Willen zu fein. Als er aber zu ihr kommen follte, fchob fieeines ihrer Fräulein unter, und nachdem er an der feine Luft gebüßt hatte,fdinitt er ihr einen Finger ab. Die Gräfin gab dem Fräulein Urlaub zu einemaus ihrer Freundfchaft, und fie felber band ihren Finger ein und ließ ihn niemandfehen.
Der Graf kehrte heim, und der Vogt ging ihm entgegen und verleumdetedie Gräfin, indem er fagte, einer feiner Knechte habe ihr den Finger abgefdinitten.Und zu Haufe angelangt, rief der Graf die Freunde und Anverwandten feinerGemahlin zuTifche und bat fie um ihr Urteil, wie mit einer Frau zu verfahrenfei, die fidi folchermaßen betragen habe. Alle fagten, fie verdiene den Tod aufdem Scheiterhaufen, und er fagte: »Alfo tut denn mit euerer Bafe.« Die Gräfinaber fagte, da fie die Beftürzung ihrer Freunde fah: »Laßt euch nicht irremachen!« Und fie wies ihre unverletzte Hand und fuhr fort: »Wer feinenFinger heil einbindet, bindet ihn heil aus.« Dann erzählte fie der Reihe nachdie Niedertracht des Vogtes, und der Graf ließ ihn auf der Stelle henken.Und daher fagt man gemeiniglich das Sprichwort: »Wer feinen Finger heileinbindet, bindet ihn heil aus.«
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