Druckschrift 
Märchen des Mittelalters
Entstehung
Seite
61
Einzelbild herunterladen
 

20.DIE DREI FLINKEN BRÜDER.

ES WAR EINMAL EINE FRAU, DIE HATTE DREI SÖHNE,-zwei waren im Ehebruch und einer von ihrem Gatten erzeugt. Nunhatte fie aus ihrer Mitgift nur einen Birnbaum, und den verteilte fie, damit nichtder Vater die echten Söhne von dem Bankert unterfcheide, in ihrem letztenWillen alfo: dem älteften vermachte fie von ihm das Gerade und das Krumme,dem mittleren das Grüne und das Trockene und dem dritten alles in und überder Erde.

Als fie dann geftorben war, wollte jeglicher Sohn den ganzen Baum haben,und fo gingen fie zu dem Richter, und der Richter fagte, der Baum folle deffenfein, der fich der größten Behendigkeit rühme. Da rühmte fich der ältefte:»Wenn ein Hafe läuft und ich ihm nach, fo nehme ich ihm das Fell, ohne feinenLauf irgendwie zu hemmen.« Der zweite fagte: »Läuft ein Roß noch fo fchnell,fo nehme ich ihm die Eifen, und den Reiter fetze ich ab, ohne die Gefdiwindig=keit des Roffes oder die eigene zu verringern.« Und der jüngfte fagte: »Icherfteige die höchften Berge, in deren Mitte alle Winde wehen,-wird dann einFederbett ausgebreitet und völlig geöffnet, fo bin ich fo flink, daß ich, ob dieWinde noch fo fehr wehen und die Federn noch fo leicht find, alle Federndrinnen behalte.« Und diefem wurde der Birnbaum gegeben.

61