Druckschrift 
Märchen des Mittelalters
Entstehung
Seite
58
Einzelbild herunterladen
 

Gott wird uns erretten, daß wir einen guten Rat finden, weil wir in demBauche des Walfifdies find.« Sagte das Fräulein: »Höret meinen Ratfdilag,und wir werden gerettet fein.« Und fie Tagten: »Sprich!« Und es fagte: »Zün=den wir ein recht großes Feuer an, und überdies foll jeder den Fifch verwunden,fo tief er nur kann,- durch beides wird er des Todes fein und ans Land fchwim«men, und fo werden wir durch Gottes Gnade entrinnen können.« Und fieführten den Rat des Fräuleins in allem aus, und der Walfifch hielt, als er denTod fühlte, auf das Land zu.

Um diese Zeit erging sich ein Ritter, der in dieser Gegend wohnte, nachdem Abendefien am Meeresftrande. Als er den Walfifch heranfchwimmenund fich der Küfte nähern fah, rief er feine Knechte und zog ihn ans Land/und die Knechte begannen mit allerlei Werkzeug auf den Fifch einzuhauen.Da das Fräulein den Schall vernahm, fprach fie für alle und fagte: »Teuerfte,haut fachte zu und öffnet den Fifch an der Seite/ wir find hier in feinemBauche, Kinder ehrlicher Männer aus adeligem Geblüt.« Und der Ritter fagte,als er dies hörte,zu feinen Knechten: »öffnet den Fifch an der Seite, auf daßwir fehen,wer drinnen ift.« Und als er geöffnet war, entftieg ihm als erfte dieJungfrau, fchier halbtot, dann die Ritter und alle übrigen,- und fie begann zuerzählen, weifen Tochter fie fei und daß fie dem Sohne des Kaifers vermähltwerden folle. Dies gehört, behielt fie der Ritter mit ihrem Gefinde einige Tagebei fich, bis fie fich allefamt wieder völlig erholt hatten, und dann fchickte erfie famt ihrer Begleitung zu dem Kaifer.

Der Kaifer fagte, als er fie fah: »Teuerfte Tochter, wohl ergehe es dirjetzt und in alle Ewigkeit! Aber ich fage dir,Tochter: bevor du meinen Sohnzum Gatten erhältft, will ich dich einer Probe unterwerfen.« Und auf derStelle ließ er drei Käftchen anfertigen: Das erfte war aus lauterftem Goldeund köftlichenSteinen und trug die Aufschrift: »Wer mich öffnen wird, wirdin mir finden, was er verdient hat«,- drinnen aber war es voll Totengebein.Das zweite war aus" lauterftem Silber und überall mit Edelfteinen befetzt,und es trug die Auffchrift: »Wer mich erwählen wird, wird in mir finden, wasdie Natur beftimmt hat«,- inwendig aber war es voller Erde. Und das drittewar aus Blei und hatte die Auffchrift: »Lieber will ich hier ruhen, als unterden Schätzen des Königs bleiben«,- und in diefem Käftchen waren drei koftbareRinge. Dann fagte der Kaifer zu dem Fräulein: »Teuerfte, hier find dreiKäftchen: wähle dir, welches du willft,-wirft du gut wählen, fo wirft du meinenSohn zum Gatten erhalten.«

Das Fräulein betrachtete die Käftchen genau, und es fagte in feinemHerzen: »Gott, der du alles fiehft, gib mir die Gnade, fo zu wählen, daß ich

58