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Märchen des Mittelalters
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ziehen, und das war ihm gar hart. In dem vollen Vertrauen, das er in dieGräfin von St. Gilles fetzte, die ihn erzogen hatte, befahl er ihr feine fchwangereGattin innig und bat fie, ihm fofort nach der Geburt Nachricht zu geben undihm alles, was fich dabei verlaufen werde, anzuzeigen. Er fchied, und feineGattin genas eines wunderfchönen Knäbleins/ fofort fertigte der Graf vonSt. Gilles einen Eilboten ab, um dem Könige das freudige Ereignis zu künden.Der Bote aber, der fich auf feinem Ritte, eines Lohnes begierig, bei der Königinverweilte, wurde von ihr graufam getäufcht,- denn in einem falfchen Briefe fchriebfie, als wäre fie der Graf von St. Gilles, die Gattin des Königs habe einenKnaben mit einem Hundskopf [geboren. Wie betrüblich auch diefe Botfchaftwar, liebte doch der König feine Gattin fo mächtig, daß er fchriftlich befahl,Mutter und Kind trefflich zu nähren und zu hüten. Auf dem Heimwege befuchteder Bote wieder die alte Königin/ wieder machte fie ihn trunken, entwendeteihm das Schreiben und fteckte an feiner Statt ein andres diefes Inhalts in dieHülfe: Der König foundfo grüßt den Grafen foundfo. Da wir fiebere Kenntnishaben von der Niedrigkeit und Schlechtigkeit unferer Gattin, befehlen wir dirbei der Strafe des Verluftes unferer Liebe, Mutter und Kind zu töten, auf daßich nach meiner Rüdekehr ein edles, fdiönes Fräulein in Ehren heimführen kann.

Als der Graf den Brief las, kamen ihm, dem harten Ritter, die Tränen/trotzdem aber eröffnete er der noch im Wochenbette liegenden Herrin denerhaltenen Auftrag und hieß fie, aufzuftehen und fich in die Hände der Mörderzu geben. Sie erhob fich, fiel auf die Knie und rief Gott an: »Herr, der duKeufdiheit undWahrheit liebft, bewahre mich vor jeglicher Sünde und vordiefem Leid!« Und in der Nacht führten fie die Henker famt ihrem Söhnleinhinaus in den Wald, um fie zu töten. Als fie aber den Knaben genommenund die Schwerter gezogen hatten und ihn abfchlachten wollten, begann erzu lächeln. Darob überkam fie Mitleid, und fie fagten untereinander: »Bringenwir nur die Mutter um und fchonen wir des Sohnes, fo wird er durch Hungerzugrunde gehen/ denn eine andere Säugamme können wir ihm nicht geben.«Beide aber zu töten, trugen fie Scheu, und fo fagten fie zu der Mutter: »Wollteltdu fliehen und in ferne Lande ziehen, wo man dich nicht kennt, fo würden wirdir um des Knaben willen das Leben fdienken.« Sie dankte ihnen und fegnetefie und ging mit dem Knaben.

Und fie bettelte fich durch die Fremde, bis fie endlich nach Bologna gelangte,wohin einft ihr Bruder um der Wilfenfchaft willen gereift war/ nun war er dortzum Bifchof verordnet worden, und fie empfing von ihm, der tagtäglich für diePilger forgte, Almofen. Einem Geiftlichen in feinem Gefolge fielen ihre Schön-heit und des Knäbleins Lieblichkeit auf, und fo bat er den Bifchof, das junge

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