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Märchen des Mittelalters
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10.DAS FRÄULEIN VON ST. GILLES.

Wfe IN EINER GESCHICHTE DER KÖNIGE VON FRANK--reich zu lefen ift, war einmal ein Graf inPiktenland oderPoitiers, und derhatte von feiner trefflichen, adeligen Gemahlin, die fchon verftorben war, einenSohn und eine Tochter. Als er nun einmal die Schönheit feiner Tochter betrach-tete, Riegen böle Wünfche in ihm auf, und er fetzte ihr hart zu mit Liebkofungenund Drohungen/ fie aber, gefeftigt in Keufchheit und Reinheit, widerftand, gleichals ein Mann, feiner Bosheit und fdirie, da er auf feinem frevelhaften Vorfatzbeharrte, weidlich.

Ihr Bruder weilte in Bologna, wohin er gezogen war, um derWiffenfcbaftobzuliegen, und fo rief fie, da fie fonft niemand hatte, dem fie völlig hätte ver-trauen können, ihre Amme und tat ihr das traurige Geheimnis kund. Ebenfobetroffen über die Bosheit des Vaters wie über die Standhaftigkeit des Mägd-leins, riet ihr die Amme, diefer Gelegenheit der Sünde zu entfliehen, und fogingen fie des Nachts, nicht ohne Kleinode und Geld mitgenommen zu haben,auf und davon. Sie gelangten fehließlich nadi St. Gilles, und da ihnen fchondas Geld zu mangeln begann, fo gingen fie zu der Gräfin von St. Gilles undbaten fie um des Lebens Notdurft. Ob der Schönheit und Unfchuld, die ausdem Antlitz des Fräuleins ftrahlte, nahm fie fich ihrer, gleich als einer Tochter,an, und die Amme behielt fie ihr zur Gefellfchaft,- und das Fräulein ließ nichtab, Gott und die heilige Jungfrau um Bewahrung ihrer Keufchheit zu bitten.

Nun wurde bei dem Grafen von St. Gilles der Königsfohn von Arelatoder Burgund erzogen, und als der ihre adelige Ehrbarkeit fah, verliebte er fichvon Herzen in fie. Ihm aber wollte feine Mutter, die Königin von Arelat, dieauf einem SchlolTe in der Nähe wohnte, die Tochter des Königs von Frankreichvermählen/ da befchied er fie, nie werde er eine andere zur Gattin nehmenals Margarete, das Fräulein von St. Gilles. Es verfammelte fich die gefamteBlutsfreundfchaft, aber all ihren Bitten gelang es nicht, feinen Sinn zu brechen,und fo wurde fchließlidi das Fräulein entboten und ihm vermählt, und das warder Beginn einer tödlichen Feindfchaft der Königin von Arelat wider ihre Schnur.

Der Königsfohn ging ein zu ihr, und fie empfing, und als der Tag ihrerEntbindung nahe war, mußte er als neuer König von Arelat in einen Strauß

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