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Märchen des Mittelalters
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9.SPÄTE RACHE.

ES WAR EINMAL EINE GROSSE HERRIN, UND ALS SIE,da ihr Gemahl ftarb, Witwe geworden war, wurde fie von vielen zurEhe begehrt, und unter diefen war einer, der war fdiön vor den andern, aberarm, anfonften wacker im Herzen und wohlberufen im Waffenhandwetk.Und der ließ nidit nach mit feinem Werben, auf daß er ihren Sinn wende;denn im Herzen war fie ihm hold, und nur feine Armut mißfiel ihr, und endlichfagte fie zu ihm: »Liebfter, ich, eine folche Herrin, wie follte ich didi nehmen,da du fo arm und gering bift? Nicht dein Wefen, fondern deine Armut behagtmir nicht/ hätteft du Geld und Gülten, fo nähme ich dich gern.«

Dies gehört, fchied der Ritter, und er legte fidi hinter einen offenen Weg,wo die Kaufleute zu ziehen pflegten; und als ein Kaufmann mit reichem Gutvorbeikam, fo erfchlug er ihn und nahm all feine Habe. Derart mit einem Malereich und aus einem kleinen Ritter ein großer Herr geworden, ging er wiederzu der Herrin/ und er wies ihr feine Reichtümer und bat fie, ihn mit ihrerHand zu begnaden. Gar erftaunt über die fo plötzlich erworbenen Reichtümer,fragte fie ihn, wie er fo plötzlich dazu gekommen fei, und wollte ihm keineRuhe geben, bis er ihr die Wahrheit eröffnet hätte. Und die Liebe zu derHerrin, der er in nidits zuwider fein wollte, war fo mächtig in ihm, daß er dieWahrheit geftand. Nun fagte fie, wenn er fie haben wolle, fo muffe er dorthingehen, wo der Tote liege, und bei ihm eine Nacht wachend verbringen.Das tat er, und er wachte mit angeftrengten Sinnen, und mitten in der ftillenNacht fetzte fich der Tote auf und betete, die Hände gen Himmel breitend,allo zu dem Herrgott: »LIerr, der du ein gerechter Richter bift, du weißt, wieungerecht idi getötet worden bin. So es dein Wille ift, laß mir Gerechtigkeitwerden!« Und von oben herab kam eine Stimme: »Heute über dreißig Jahrewirft du gerächt werden.« Und der Tote fank wieder zu Boden.

Und der Ritter kehrte zu der Herrin zurüdi und berichtete ihr, was ergefehen und gehört hatte. Die Herrin aber dachte, bis zu der vorbeftimmtenZeit werde er der Buße ein Genüge tun, und fo vermählte fie fich mit ihm.Lind von Tag zu Tag nahmen fie zu an Reichtum und weltlicher Ehre/ undeine treffliche Nachkommenfchaft ward ihnen, und durch Vermählungen ver*

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