3.DIE VERSCHENKTEN LEBENSJAHRE.
IN EINER STADT, DIE ICH NICHT WOHL NENNEN KANN,häufte einmal ein ehrbarer Mann, der hatte die allerfdiönfte Frau zurGattin und lebte mit ihr in Freuden und Wonnen. Da gefchah es, daß dieFrau ohne jegliches Siechtum eines jähen Todes verblich, und vor Schmerzdarob wußte fich der Mann fdiier nicht zu fallen. Und fo wert hielt er ihrenftolzen Leib, fo feft blieb fein Sinn nach ihr, daß er es nimmer leiden wollte,daß fie begraben würde/ und ohne vor dem Tod ein Graufen zu tragen, behielter die tote Frau nicht nur zu Haufe, fondern bot ihr auch, gleich als wäre fienoch lebendig gewefen, zu Tifche und zu Bette alle Zucht.
Die Mär von diefem feltfamen Tun fprach fidi in der Stadt herum, undauch feine Verwandten und Freunde erfuhren davon, und fie ftraften ihn mithartem Schelten. Das ließ er fich aber nicht anders anfechten, als daß er alles,was er befaß, verkaufte und zu barem Gelde machte, und er ließ einen fchönenSchrein anfertigen, und darein legte er die tote Frau. Und er zog mit ihr, nurnodi von einem Knechte begleitet, weg aus feiner Stadt und in eine andere,wo ihn niemand kannte, und dort machte er fich in der Abfidit, nimmerheimzukehren, anfäffig,- er erwarb ein Haus, und das bezog er mit der totenFrau, und fie mußte mit ihm zu Tifche fitzen und zu Bette liegen wie eineLebende.
in feinem Herzen aber war immerdar der Wunfeh, feine Frau möchtedoch wieder lebendig werden, und als er einmal nächtens im Bette lag, beteteer: »O Herr Gott, könnte idi dodi den Tag erleben, daß die Frau wiederlebendig würde und wieder frifdi und gefund mit mir zu häufen anhübe!« Undwie er das fo inbrünftig begehrte, fo fandte ihm Gott in feiner Gnade einenEngel, und der fagte zu ihm: »Deine Frau mag wieder lebendig werden, mitdem Geding jedodi: von den Jahren, die du noch zu leben hätteft, müßteft duihr zwanzig geben, und zur Stunde würdeft du um zwanzig Jahre älter werden.«Darob war der Mann über alle Maßen froh, und er fagte: »Gern gebe ich ihrdie zwanzig Jahre, und gern will idi fie verlieren.« Und fchon war auch dieFrau wieder lebendig und, wie vordem, frifth und gefund,-er aber war gealtert,und war er bisher vierzig gewefen, fo war er nun fedizig und fein Haar grau
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