Druckschrift 
Märchen des Mittelalters
Entstehung
Seite
XXI
Einzelbild herunterladen
 

Ein guter und dabei treuer Dolmetfch hingegen war jener Mittelsmann,der irgendeinem Europäer, vielleicht dem Kardinal Jakob von Vitry, als diefernoch Bifchof von Akka war, das Märlein von dem Händler erzählt hat, demein Affe die Hälfte des für den gewälfertenWein gelölten Geldes Stück für Stückins Walter wirft. Der Affe der literarifchen arabifchen Verfion paßte zu dieferFunktion viel belfer als der Habicht, dem fie Gregor von Tours in der GloriaConfelforum zu einer Zeit anvertraut hatte, wo fie Mohammed, der nachal Mas'üdi der Urheber des Märleins gewefen wäre, noch nicht hätte erzählenkönnen, und fo ift die ältere europäifche Faflung der Jüngern orientalifchengewichen.

Die Tätigkeit der Vermittler zwifchen den Literaturen hathiernurinGrenz=fällen aufgezeigt werden können,- andere werden, befonders an der Hand vonBolteundPolivkas Anmerkungen zu denGrimmfchen Märchen, leicht einzureihenfein. Jedenfalls aber verdient das fich aus folcherlei Erwägungen ergebende Pro=blem, das für Aarne nicht exiftert, eine eingehende Unterfuchung. Als Vermittlerzwifchen den Volksliteraturen einWunderift es übrigens, daß gegen diefes Wortnoch nicht Sturm gelaufen worden ift kommen natürlich außer Konvertitenund Eingewanderten, denen im Orient und im frühmittelalterlichen Europaauch die Sklaven zuzuzählen wären, nur Reifende der vcrfchiedenen Arten inBetracht. Vermutlich wird es fich herausftellen, daß der zu folcher Tätigkeit amwenigften geeignete der Soldat war, deflen Reife in ein fremdes Land guteBeziehungen zu der heimifchen Bevölkerung gemeiniglidi ausfdiloß, und beiGeiftlidien mochte die religiöfe Anfchauung oft ein Hindernis bilden/ denVorzug wird wohl der Kaufmann verdienen, deffen Aufnahmefähigkeit nichtbedingt war, der fich auf die Denkweife der Bevölkerung einftellen mußte undder eine höhere Bildung mitbrachte als die Männer des Schwertes. Und vieUleicht wird fich auch noch ergeben, daß es unter den Kaufleuten der jüdifdiewar, der aus den Ländern der klalfifdien Erzählungskunft das meifte in dasAbendland gebracht und hin und wieder als Entgelt eine der ihm geläufigenGefchichten zurückgelalfen hat.

Sehr merkwürdig ift nämlich die häufige Übereinftimmung alter jüdifcherTraditionen mit noch altern indifchen Märchen. Zwei Belege findet man in denAnmerkungen zu unferm 50. und unferm 53. Märchen verzeichnet,- einen weiternfchlagenden Beweis bietet die Vergleichung der in allen Chanukka^Midrafchimvorkommenden Legende von Hanna, der Tochter des Hohenpriefters Matta=thias, und der Erzählung des Tsa pao fang king von einer Zeitgenolfin desKönigs Bimbifära und des Buddha: beide bringen es über fich, fich vor allerWelt in Nacktheit zu zeigen, um fo das Marke Gefchlecht zu der Vernichtung

XXI