des Herrfchers zu entflammen, der die erfte Nacht jeder Neuvermählten be-anfprucht. Hier wird trotz der unumgänglichen Annahme einer Vermittlungdie literarifche Abhängigkeit nicht geleugnet werden können, und ähnlicheBeobachtungen könnte man an einer ganzenReihe der fünfhundert Erzählungenmachen, die Edouard Chavannes aus dem chinefifdien Tripitaka veröffentlichthat. Und dabei haben die Leute, die in den erften Jahrhunderten unferer Zeit-rechnung aus dem Sanskrit oder dem Pali in das Chinefifche übertrugen undfolcherweife manches Märchen erhalten haben, nur ausgewählt, und von ihrerAuswahl kennen wir wieder nur eine Auswahl. Und eine gleichartige Über-fetzertätigkeit ift auch bei den zentralaliatifdien Völkern ausgeübt worden, undjeder Tag kann in diefer Hinlicht Entdeckungen bringen. Bis jetzt aber hat jederneue Fund neue Beweife geliefert, daß das Märchen keinen andern Gefetzengehorcht als die gefamte übrige Literatur.
Dasfelbe erhellt auch aus der Unterfuchung der Märchen unferer eigenenVorzeit. Aarne felber hält das Mittelalter für eine der Epochen, die befondersviel Märchen erzeugt haben, und meint, die künftige Forfchung werde wahr»fcheinlich viele europäifche Märchen als mittelalterlich erweifen. Als Aarne diesfchrieb, war von dem Werke Johannes Boltes und Georg Polivkas der erfteBand erfchienen, und auf das dort zufammengetragene ungeheure Materialftützte fich wohl diefe Erkenntnis,- die fpätern Bände wiefen dann an vielenund vielen Proben nach, was für ein Schatz an fo lange verachtetem Märchen-gut in den Schriften jener längft verliehenen Zeiten noch zu heben ift.
Diefen Schatz wenigftens zum Teile der Allgemeinheit zugänglich zumachen, ift der Zweck diefes Buches, das neben MärchenfalTungen, die denFachleuten bekannt find, auch bisher unbeachtete bringt, die es aus dem Dunkelzieht, und andere, im Textteil und in den Exkurfen, zum erften Male ver-öffentlicht. Die Kenntnis der meiften noch ungedruckten Märlein verdankt derVerfaffer Herrn Profeübr Dr. Alfons Hilka in Göttingen, der ihm feine nachder Handfchrift der Stadtbibliothek von Tours angefertigte, mit den Hand=fchriften von.Bern und Upfala verglichene Kopie der Compilafio singularisexemplorum, die nicht nur für die Märchenforfchung, fondern für die ver-gleichende Literaturgefchichte überhaupt von der größten Bedeutung ift, in felbft-lofer Liebenswürdigkeit zur Verfügung geftellt hat. Nicht alleGefchichtenfreilidi,die die folgenden Seiten enthalten, find Märchen in dem richtigen Sinne desWortes, über den wir uns allefamt klar find, obwohl noch keine jedermanndurchaus befriedigende Umfchreibung gefunden ift,- hier fei auf das Beifpiel derBrüder Grimm verwiefen, aus delTen Befolgung gewiß niemand einen Vorwurfwird erheben können.
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