plötzlichen Bruch mit dem Gegebenen, ein jähes Abweichen von altem Brauch-tum durchfetzt, vermehrt gleichzeitig die Zahl der Dinge, die eine Erörterungheifchen: die Erörterung bedient fich mit Vorliebe des Beifpiels, und wo diefesnicht vorhanden ift, wird es gefchaffen, erfunden, erdichtet. Jeder neue Ge=danke erzeugt alfo in dem Kampfe mit dem Widerftande, den er notwendiger«weife hervorruft, eine Reihe von Gleichniffen, Erzählungen, Exempeln, unddiefe Reihe wächlt, weil fich die Phantafie nicht Einhalt tun läßt, auch nach demErlahmen des Widerftandes weiter. Mit der Bevorzugung der Intelligenzvor der rohen Kraft wird das Motiv des fchlauen Ratgebers ebenfo gebildet,wie das der klugen Dirne und das der Scharffinnsproben. Höhere Rechtsan»fdhauungen führen das Jus talionis und das Ordal ad absurdum und erfchließenaus der Charaktererforfchung neue Quellen der Rechtsfindung. Die Befchäfti«gung mit dem Verhältnis der Gatten zueinander zeitigt einerfeits hohe Liedervon Frauenreinheit, andererfeits bis zum Grotesken gefteigerte Beweile, daßdie Frau zu hüten unnütz und auf ihre Dankbarkeit zu rechnen dumm ift.Dargetan wird hier die Sittlichkeit der Wohltat, dort die Unvernunft, einen zuGrunde Gehenden zu retten. Der Glaube an eine Vorfehung oder an dieUnabwendbarkeit des Schickfals wird ebenfo durch erfundene Erzählungengeftützt wie die Bedeutung des Zufalls. Die Spekuiationsluft der geiftig Ge-wachfenen wirft Fragen auf, wie ob das Glück mehr vermöge als der Ver»ftand, was mehr Vorteil bringe, recht oder unrecht zu handeln, ob es befferfei, in der Jugend zu leiden oder im Alter. Der fich kräftiger und fichererfühlende Rationalismus verfchont auch die alten Anfchauungen der primitivenZeit nicht, fondern übt feine Ki itikan ihnen underweiftdurchfinnreicheFiktionenihre Unrichtigkeit,- das Lächerliche gewinnt äfthetifch höhere Formen. Allediefe Motive, urfprünglich felbftverftändlich von Einzelnen erdacht, die überder Maffe ftehen, verfügen, zum Teile, weil fie an anregende Problemerühren, zumTeile, weil fie dem Unterhaltungsbedürfnis dienen, über Energien,die fich zur Geltung zu bringen trachten: fie dringen nicht nur in die altenSägen ein, fondern finden auch für fich, ohne Anknüpfung, ihren Weg weiter/fie find, das ift eines ihrer Kennzeichen, allefamt Wandermotive. Natürlichhätten fie an vielen Orten erfunden werden können, aber nicht gleichzeitig,weil die Kulturftufe, die ihre Vorbedingung ift, nicht überall gleichzeitig er-reicht wird,- hingegen find fie oft geradezu Träger der Kultur, weil fie dieAnfchauungen, denen fie entfprungen find, weiter verbreiten. Nicht immernatürlich wandern fie allein, fondern oft in von künftlerifchem Sinne gefchaffenerVerbindung mit Motiven ihrer Ordnung oder^Motiven des Gemeinfchafts«lebens oder mit Motiven, die auf den primitiven Anfchauungen beruhen,
XVI