Diese Wiederkehr im „neuen Jahr unserer Seele," diesesWerden im Vergehen, diese stete Umgestaltung des Lebensin seinem Untergang suchte Hölderlin auch in den Anmer-kungen zur Antigone und dem Aufsatz über das untergehendeVaterland gedanklich zu erfassen, das im tiefsten GrundeUnbegreifbare mit klaren Begriffen zu umreißen, ein Unter-fangen, dessen Schwierigkeit er dadurch bis zum Äußerstensteigert, daß er die wirklichen Vorgänge des Untergangs undAnfangs gleichläufig setzt mit den Vorgängen der tragischenSprache, des tragischen, rein dichterischen Geschehens—dennnur durch die Dichtung treten die Geschicke der Menschenin die tragische Sphäre ein. Beides aber, die wirkenden Vor-gänge und ihre tragische Vergeistigung im Dichterischensieht er als Ausdruck, Zeichen, Darstellung des lebendigenimmer seienden und doch immer bewegten Ganzen an, dessenWesen man mit der umgekehrten Heraklitischen Formel benen-nen möchte: Ruhend wandelt es sich. Denn seine Notwendigkeitliegt in der steten Wandlung des Bestehenden, in der stetenAuflösung jeder aus der Wechselwirkung von Natur undMensch erwachsenen Verbindung der Dinge, jeder besonderenbild- und formgewordenen Welt. Der Sinn ihrer Wandlungist aber nicht die Auflösung selbst, sondern die Entstehungeiner neuen Welt aus dem Unerschöpften und Unerschöpf-lichen der Mächte und Bezüge, aus den im Früheren noch nichtbeschlossenen „überbleibenden" Geschlechtern der Menschenund Kräften der Natur, einer neuen Welt, die abermals dasbesondere Gesicht der in ihr verbundenen Wechselwirkungträgt. Dieser Vorgang vom untergehenden Vaterland zumauferstehenden Vaterland ist ein stetiger und Zeichen derunendlichen Welt aller Welten, die sich nur in der Zeit, imWerden des Moments eben als Untergang und Anfang dar-stellen kann. Aber wie die Tragödie dieses Zeichen jeweilsin einem besonderen Zeitraum an besonderen Personen von be-deutendem Schicksal groß und klar erscheinen läßt, wie sie dengeistigen Ort am reinsten zeigt, so gibt es auch unter den Ge-
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