und das Abendlicht mich Tag für Tag noch ein wenig ver-jüngen, bis ich das letzte fühle und mich ins Freie setze undvon da aus weggehe — zur ewigen Jugend."Diese ewige Jugend war ja selbst die Natur, die unerschöpf-liche, die den Einsamen in die „Arme der Unendlichkeit"nahm, die ihm ohne Flehen sein Bestes nährte, ohne Ringendas Schönste schenkte, ohne Mühen die reichste Ernte gab.In diesem schönen Kindschaftsverhältnis zur Natur, das seineGedichte nicht müde werden zu preisen, ist Hölderlin sein Lebenlang geblieben, und wenn dem Aufwachsenden so wenig wiejedem Jüngling und ihm dem Feinwüchsigen am wenigsten derKampf des Kindheit-Traumes mit der Wachheit des bewußtgewordenen und nun im ungeheueren Weltall vereinzeltenGeistes erspart geblieben ist, so hat er diesen Kampf im Ringenmit Kants und Fichtes Weisheitslehren so ernst wie keiner aus-gefochten und sich aus dem nötigen Zwiespalt weder durchErnüchterung noch Verzicht gerettet, sondern von neuemzum Gefühl der Ganzheit alles Daseins durchgekämpft, indemer Wirken und Schaffen, Denken und Bilden des männlichenGeistes als reifste Frucht der allebendigen Natur erkannte.Was als Wachstum in der sichtbaren Welt erschien, durch-waltete ihm auch das Wachstum des menschlichen Geistesund nur aus dieser tiefgefühlten Nähe, dieser nie gebrochenenEinheit des Schauenden und Geschauten ist die unmittelbarekörperliche Bildlichkeit verständlich, mit der seine Gedichtevon den jungfräulichen Tälern, den zärtlichen Lüften, densanfterrötenden Bergen, den Eichen als einem Volke von Tita-nen reden. Ein Neugeschautes freilich schied nach solchemKampfe seine Seele für immer vom Garten der Kindheit:das Wissen nämlich, daß die in ihm erwachte Trauer auch dieTrauer der Natur, daß die Unruhe des Herzens auch die Un-ruhe der Natur, ja der Aufruhr des Geistes auch der Aufruhrder Natur sein müsse. Er hatte den Tod als notwendigen Bru-der des Lebens, die ,,alte Finsternis" als notwendigen Gegnerdes Lichtes, den „Geist der Unruh", die „Wildernis unter den
5 Wolters, Reden. g-