Druckschrift 
Vier Reden über das Vaterland
Entstehung
Seite
62
Einzelbild herunterladen
 

gezogen und den Staat von innen auf dem Wege der Bildungumgestaltet hätte. Vielmehr ist seitdem unsere Bildung trotzallgemeiner Verbreiterung in Teilzwecke auseinander gefallenund Staat und Geist des Volkes haben trotz einer engerenEinigung unserer Stämme im Bismarckschen Reiche nochkeine einheitliche Gestaltung im Deutschen Menschen ge-funden.

Wir suchen die Schuld für dieses Auseinanderstreben derwichtigsten Lebensgebiete gern dort, wo sie am wenigstenzu suchen ist und klagen manchmal, daß unsere großenDichter von Weimar wohl die Hüter unseres edelsten Gei-stes, wohl die Schöpfer unserer besten Bildung waren, abernicht, wie etwa mit geringeren Kräften Fichte und die Schlach-tensänger der Freiheitskriege, jene Nähe zur leiblichen Notdes Volkes gehabt hätten, aus der allein die Berührung deroberen und unteren Kräfte, aus der allein die Erneuung desVolkes auf allen Stufen erfolgen könne.

Wir lassen diesen Vorwurf heute auf sich beruhen und erinnernnur daran, daß es dennoch damals schon eine Dichtung gab,die nicht nur vorausschauend die Leiden und Taten der Deut-schen gesehen und im tiefsten Herzen mitgefühlt, sondernauch weit über Schiller und Fichte, Arndt und Körner hinausdie staatliche und heldische Bestimmung unseres Volkesfordernd aufgerichtet und ins Lied gebannt hat. Der MundHölderlins hatte schon um die Wende des Jahrhundertsdas Höchste über den deutschen Menschen und sein Schicksalausgesagt, hatte sein Herzblut im Gesänge verströmt, um dasVerderben der Zeit und die Mittel zur Rettung sichtbar zumachen, aber niemand hörte ihn:Ich bin jetzt voll Ab-schied," schrieb er Ende 1801 vor der Reise, die ihn in dieFremde trieb und von der er an Leib und Geist gebrochen wie-derkehrte,ich habe lange nicht geweint. Aber es hat michbittre Tränen gekostet, da ich mich entschloß, mein Vaterlandnoch jetzt zu verlassen, vielleicht auf immer. Denn washab ich Lieberes auf der Welt? Aber sie können mich nicht

62