sich streng, und sein äußeres Verhalten in Politik und Kriegwar in der Frühe mehr unbewußt, aber seit der Italie-nischen Reise bewußt passiv, „leidend" wie er es selber nennt,und kaum ein- oder zweimal, als er den Waffensegen erteilteund als er die Stadt Jena vor einer drohenden Ungnade derFranzosen bewahren konnte, überschritt er „das sich selbstgegebene Gesetz", wie er bei dem zweiten Anlaß ausdrücklichbemerkte. Auch das Verschweigen seines politischen Ge-spräches mit Napoleon bis über das Grab hinaus hat den gleichenSinn: die Wahrung des unabänderlich gesetzten Selbstgebotesder Nichteinmischung in die staatlichen und kriegerischenStreite.
Aber warum, so werden Sie mit mir fragen, hat er sich diesesGebot gegeben?
Er selbst — und manche sind ihm darin gefolgt — hat alsGründe seines Verhaltens die damaligen staatlichen Zuständeder Deutschen genannt: unsere Zerrissenheit und Zerfahren-heit in dem monströsen Gebäude des alten Reiches, unserekleinbürgerlich-philiströse Engbrüstigkeit im staatlichen Den-ken, unseren Mangel an stolzem selbstbewußten Staatsgefühl,die Unfähigkeit unserer Väter, sich als ein Volk, als eineNation in ihren hundert und aberhundert Grenzwinkeln zuempfinden, unsere Eigenbrötelei nicht nur in den Stämmen,sondern selbst in den Personen und die daraus entspringendeSucht der Aberkennung, des Mäkeins, der Verkauzung, sodaß „jeder, der sich fühlt, von vorne anfängt, und wer hat nichtdas Recht, sich zu fühlen?" „Wenn diese Menschen", sagtGoethe 1807 zornig, „über ein Ganzes jammern, das verlorensein soll, das denn doch in Deutschland kein Mensch sein Leb-tag gesehen, noch viel weniger sich darum bekümmert hat,so muß ich meine Ungeduld verbergen, um nicht unhöflichzu werden oder als Egoist zu erscheinen."In diesem Lande konnte ein staatlicher Dichter wie er ihn sah,der „als große nationale Volksstimme empfunden wird" unddie tiefsten Antriebe des ganzen Volkes umfaßt, keinen Boden
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