Wilhelm Meister nieder. Schon diese Hindeutungen genügen,um Ihnen die ungeheure — bei wem denn sonst in jenerZeit vorhandene? — Fülle des Anteils an den bewegenden Ge-danken der Völker vor Augen zu führen.Aber freilich, weil er die Ursachen der Umwälzungen erkannte,konnte er darum kein Freund gewaltsamen Umsturzes nochder in seinem Gefolge wachsenden Greuel werden. Denn ein-mal widersprach alles Gewaltsame, alles plötzlich Ausbrechendeaufs tiefste seiner Einsicht in das Wesen des Wachstums:auch für die menschlichen Bildungen ersehnte er die pflanzen-hafte Fortbildung, die gesetzmäßige Entwicklung der Naturund es ist bezeichnend, daß er von den „beabsichtigten Revo-lutionen", welche im tiefsten ohne Erfolg, weil ohne Gottseien, die aus wirklichem Bedürfnis erwachsenen „großenReformen" unterscheidet, die dem Volke gelingen, weil Gottmit ihm ist, und daß er als Beispiele der letzteren die Begründungder Lehre der Liebe und der Reinigung der Kirche durchChristus und Luther nennt, „beide . . . große Kräfte, die nichtFreunde des Bestehenden, sondern beide lebhaft durchdrungenwaren, daß der alte Sauerteig ausgekehrt werden müsse unddaß es nicht ferner im Unwahren, Ungerechten und Mangel-haften so fortgehen und bleiben könne".
Sie sehen, er mußte in den Umwandlungen die aufbauendenKräfte großer Menschen erkennen, um an ihre lebendige Not-wendigkeit und ihr inneres Recht glauben zu können, von ande-ren Bewegungen glaubte er wohl, daß durch sie manches anders,aber nichts besser werde.
Zum anderen kannte er die Menschennatur zu gut, um nichtzu wissen, daß alles Leidenschaftlich-Erregte wie ein Sturm-feuer durch die Völker weiterlaufe und fürchtete von der An-steckung der revolutionären Flamme vom Nachbar zum Nach-barn, von Frankreich nach Deutschland, eine innere Sinn-losigkeit: daß nämlich hier ein freventliches Spiel werde,was dort Folge einer großen Notwendigkeit war, daß hier nach-geäfft werde, was dort aus eigenem Kern und eigenem all-
43