Tempels den Trank des Willkomms und der Weihe reicht. Lechter hatin dem Bildnis sein inneres Gesicht vom Dichter festgehalten, wie es ihmaus dessen Werken aufgestiegen und wohl auch in Stunden des Hersagensvon Gedichten aus den leiblichen Mienen Georges erschienen war: dieErscheinung des Begeisterten und Entrückten, die nicht dem Alltag son-dern der verborgenen Stunde der Werkgeburt oder noch der Erschütte-rung beim ersten Wiedergeben einer Dichtung angehört. So hat 'sie inder sinnbildlichen Darstellung des Vorganges der Eingießung im male-rischen Werke ihr Recht, wie sie auch auf anderen Werken Lechters derTemperatafel „Orpheus", dem Glasgemälde „Der Dichter" — mit denkennzeichnenden Versen des Gedichtes „Im Park" aus den HYMNEN —und noch auf anderen Darstellungen in veränderten Formen öfter wieder-kehrt. Nicht die ganze Menschlichkeit Georges hat Lechter oder wollteer in seiner Studie und in diesen Bildern verfangen, wohl aber den Augen-blick der höchsten schöpferischen Erleuchtung einer großen Seele, wie erdem Künstler durch den lebenden Dichter offenbar geworden war: denAugenblick der gänzlichen Versenkung eines inbrünstigen Geistes, dernichts mehr von sich, doch alles von der oberen Gnade erwartet. WasLechter überhaupt in immer neuen Abwandlungen bildlich zu fassen ver-sucht hat, die Einhauchung des Geistes, den Trank der göttlichen Be-geisterung aus dem Urbrunnen des Lebens ist ihm bei der Darstellungdes Dichterantlitzes am tiefsten gelungen. Daß dabei die Miene des aske-tischen Suchers überherrschend wurde, daß jede Spur des Tathaften beiGeorge ausgelöscht wurde, ging aus der geistigen Haltung Lechters vordem Leben und dem besonderen Sinn seines Werkes hervor. Wenn seinBildnis als einziges erhalten wäre, so würden wir nicht eine falsche aberunvollkommene Wiedergabe des Dichterantlitzes haben: wir würden denAusdruck des ekstatischen Entrücktseins aber nicht den des heroischenPathos von ihm kennen.
Aber mehr als alles Außersichsein kennzeichnet den Dichter gerade seingeschlossenes Drinnesein, das Geborgensein eines unveränderlichen Selbstund was in Goethes scheinbar offenem Antlitz mit den wachsenden Jahr-zehnten seines Lebens ein immer deutlicheres Merkmal wird: das Ver-schwiegene und Verhaltene, ist in Georges Antlitz von früh auf unver-kennbarer Wesenszug: seine Züge sind geradezu die sinnbildliche Ver-leiblichung für das klare aber unaufdeckbare Geheimnis der Gestalt, dasdieser Meister ist und wirkt, lebt und dichtet. Eben hierin scheint dieletzte Schwierigkeit für eine zeichnerische und mehr noch eine malerischeLösung seines Bildnisses zu liegen. Reinhold Lepsius hat beide versucht-Aus der Zeit der Jahrhundertwende stammt sein schöner Holzschnitt, der
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