Wir sahen, wie er in der Jugend den weitesten Raum der abendlän-dischen Ökumene durchwanderte: den ganzen Kulturkreis von Londonbis Wien, von Kopenhagen bis Rom, von Madrid bis Amsterdam. Ja dar-über hinaus lockte, wie auch den späten Nietzsche, einen Augenblick dieafrikanische Küste und einen Augenblick, wie den reifen Goethe, dasNeuland jenseits des Ozeans. Aber immer enger schloß George den Kreis,bis er in den Grenzen der Deutschen ruhte und im heimatlichen Kern ver-dichtete, was er in den Weiten gewonnen hatte. Für ihn lag die Er-fassung des Ganzen nicht in der räumlichen Weite, sondern im geistigenRaum. Die Deutschen waren nach den Römern die Träger der staatlichenÖkumene gewesen, des heiligen Reiches, aber dieses umfaßte die geistigeÖkumene nur in der Form des Gegenpoles, der geistlichen Gewalt mitvolksfremder Spitze und volksfremder Sprache. Unser Sehnen aber bliebein Menschtum, das beide Gewalten umfaßte und als unsere Kaiser sichan solcher Einheit, die im christlichen Weltkörper unmöglich war, schonmüde gerungen hatten, suchten wir Rom, die fremde Mitte der geist-lichen Ökumene, suchten wir später Napoleon, den fremden Wieder-hersteller der staatlichen Ökumene aus unseren Grenzen zu drängen, ohneauch dann unsern Dichtertraum: den eines harmonisch geschlossenenMenschtums im freien Besitz aller staatlich-geistigen, leiblich-göttlichenKräfte verwirklichen zu können. Daß der Geist in Tat ende ist letzterSinn und deutliche Sage unserer Erneuerer, Dichter und Staatsschöpfergewesen. Geist und Tat aus ihrem Widerstreit, aus ihrer Vereinzelungin unserem Wesen zu lösen, ist die herrscherliche Sendung Georges unterden Deutschen. Er will nicht den ewigen Einzelfall sondern Wirken auflange Dauer, keine Kolonisation ins Fremde, sondern Umwandlung deseigenen Bodens, er möchte die Scham von den Deutschen lösen: immerwieder auf neue Irrwege zurückschauen zu müssen.
Aber welch eine Aufgabe in diesem Volk der tausend Splitter undbitter! Welch ein Wagnis in einem Volke wo jeder äußerlich organisierta °er innerlich souverän und unabhängig war, wo jeder nach staatlicherOrdnung schrie aber jeder die Herrschaft für sich und sein Privates ver-einte, wo jeder das Reich beschwor aber jeder es in seinem Stamm undStäätlein bekämpfte. George schloß mit all dem die Rechnung ab undsetzte als treuester Bewahrer und kühnster Neuerer zugleich den neuenAnfang menschlicher Gesittung und menschlicher Gemeinschaft — dieKeime seines Volkes und seines Staates. Er trieb die Kunst alsMacht, wie einst Napoleon die Macht als Kunst und stellte zuerst dasu nangreifbare Werk des Dichters in die alles zerlösende Zeit. Aus ihrerei gnen Schwäche mußte die Zeit ihm die Freiheit des Handelns gewähren
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